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Wege aus der Sprachlosigkeit – Virtual Reality als Werkzeug zur Therapie von Redeängsten

26.07.2022  — Tobias Weilandt.  Quelle: Verlag Dashöfer GmbH.

Was haben ein Löwendompteur und eine Pflegekraft in einem Krankenhaus gemeinsam? Beide haben sich im Laufe ihrer Berufe je eine Basisemotion abtrainiert.

Ein vor Angst starrer Löwendompteur ist kein guter Artist und wird das Publikum sicher nicht begeistern. Eine Pflegekraft hat tagtäglich mit den unterschiedlichsten Körperflüssigkeiten zu tun, die gemeinhin als ekelerregend wahrgenommen werden. Würde sie deren Anblick nicht ertragen, hätte sie sicher den falschen Job gewählt. Durch Erfahrungen und regelmäßigen Umgang mit Löwen bzw. erkrankten menschlichen Körpern, werden Gefühle wie Angst und Ekel nach und nach abtrainiert oder zumindest stark abgemildert.

Verschiedene Studien haben gezeigt, dass Ängste und Angststörungen sich durch sogenannte Expositionstherapien mit Virtual Reality-Softwares signifikant abmildern lassen. Probanden werden, professionell begleitet, Angst auslösenden Szenarien (Höhen, Flüge, Vorträge etc.) ausgesetzt mit dem Ziel, die dabei auftretenden negativen Emotionen zu überwinden. Die Vorteile von Virtual Reality (VR) liegen darin, dass zum einen Angstszenarien, wie das Sprechen vor großem Publikum, realistisch simuliert werden können. Zum anderen, dass sich VR-User dennoch in eine sichere Umgebung begeben, um den Umgang mit den eigenen Ängsten zu erlernen.

Wenn die Lampen angehen, kommt die Angst – nur welche?

Angst gilt gemeinhin als eine Basisemotion, d.h. dass jeder gesunde Mensch Angst verspüren kann, gleichwohl die Ursachen hierfür sehr individuell sein können. Angst warnt uns vor Gefahrensituationen und setzt zudem Kräfte frei für Flucht oder Verteidigung. Angst, in ihrer gesteigerten Form als Panik oder Grauen, kann uns aber auch lähmen. Wir sind starr und können uns nicht von der Stelle bewegen, wurden wir erst einmal von ihr erfasst.

Auslöser solcher Gefühle können ein Objekt oder Ding sein (z.B. ein großer Hund), eine Person (z.B. ein Verbrecher), ein Ereignis (bspw. eine Rede vor großem Publikum), eine Handlung (sehr klassisch ist das Bohren eines Zahnarztes) oder ein Sachverhalt (ich stehe an einer Klippe und verspüre Höhenangst). Dabei kann es sogar bei bestimmten Ausformungen von verspürter Angst ganz gleich sein, ob z.B. eine angsteinflößende Situation imaginiert wird, oder sich die ängstigende Person tatsächlich gerade in dieser befindet.

Laut einer statista -Umfrage ist die weitverbreitetste Angst der Menschen nicht etwa Höhenangst oder die Angst vor dem Sterben, sondern die sogenannte “Redeangst”.(1) Wird von Redeangst gesprochen, bleibt jedoch eine Differenzierung zwischen pathologischen Störungen und moderatem Unwohlsein oftmals vage. Sprechangst, Logophobie und sogar Lampenfieber werden häufig synonym verwendet, obwohl sie sich nachweislich hinsichtlich der Intensität der damit einhergehenden Symptome graduell unterscheiden lassen.

Die Professorin für Logopädie, Ulla Beushausen, erarbeitete eine Typologie rund um das Phänomen der Redeangst und unterscheidet zwischen den verschiedenen Spielarten der Redeangst: Sprechangst bezeichnet ein Flucht- oder Vermeidungsverhalten kombiniert mit Angst und empfundener Unsicherheit in einer konkreten Redesituation. Logophobie hingegen wird als die pathologische und damit klinisch therapierbare Angststörung betitelt. Ihre typischen Symptome sind sehr viel stärker ausgeprägt und langanhaltender als bei der “normalen” oder moderaten Sprechangst. Mithin treten diese sogar bei einem imaginierten Publikum auf. Lampenfieber ist die schwächste Ausformung der Redeangst und zeigt sehr ähnliche körperliche, behaviorale und kognitive Anzeichen, wie die anderen Verhaltensstörungen. Sie sind zeitlich hingegen weniger persistent, als bei den pathologischen Ausformungen. Die Symptome bei Lampenfieber sind im Vergleich zur Logophobie meist so schwach ausgeprägt, dass sie sich gemeinhin unter der Bezeichnung “Aufgeregtheit” zusammen fassen lassen.


Klassische Symptome bei Sprechangst, Logophobie und Lampenfieber nach Ulla Beushausen (1996)

© QUELLE: Adobe Photostock/ Verlag Dashöfer

Situationen, wie Vorträge vor einem Publikum, können Ängste aufkommen lassen, jedoch sind diese in solchen Settings dysfunktional, denn tatsächliche Gefahren drohen gerade nicht. Angst hat in diesen Fällen keine schützende Funktion inne.

Im Rahmen psychotherapeutischer Behandlungen werden die Patienten wiederholt in Konfrontationssituationen gebracht, die typische Angstsymptome bei diesen auslösen. Dabei werden die Bedrohungserwartungen der sich ängstigenden Person analysiert, gemeinsam reflektiert und widerlegt. Hierdurch steht am Ende die Erkenntnis: Bühnenauftritte sind nicht gefährlich, wohl aber besonders!

Virtual Reality in der Psychotherapie

Seit einigen Jahren wird vermehrt erforscht, wie VR-Softwares sinnvoll in therapeutische Maßnahmen integriert werden können. Einer der Vorreiter auf diesem Gebiet ist die Universität Basel, die eine VR-App für Smartphones entwickelte, um Höhenangst zu behandeln. Das Forscherteam rund um Professor Dominique de Quervain nutzt ihre Software “Easyheights” für Expositionstherapien. Patienten verwenden die Software rund vier Stunden auf zugesandten Smartphones und setzen sich virtuellen Höhensituationen aus. Dank des Einsatzes von 360-Grad-Videos wirken die Erfahrungen sehr ähnlich wie das reale Besteigen z.B. einer Höhenplattform. Nachweislich fiel es den 70 Probanden nach bereits einer Stunde Nutzungsdauer der VR-Software signifikant leichter, zusammen mit einem Therapeuten den Aussichtsturm Uetliberg in der Nähe von Zürich zu besteigen.(2)

Um pathologische Angststörungen wie Logophobie oder Höhenangst mit Virtual Reality zu therapieren, bedarf es allerdings nicht nur einer geeigneten Software, sondern auch eines ausgebildeten Teams, das den Patienten begleitet. Mit einer Virtual Reality Exposure Therapy (VRET) konnte das Wissenschaftsteam der VR Coach GmbH Wien bedeutende Erfolge hinsichtlich der Abmilderung von Spinnen-, Höhen- und Flugphobien erreichen. Zum Einsatz kamen dabei nicht nur 360-Grad-Videos, sondern auch computergenerierte Bilder mit hohem Immersionseffekt.

Immersion lässt sich als “Eintauchen” in eine virtuelle Umgebung beschreiben, wobei der User selbst Teil der Umgebung wird und nicht nur vor einem Inhalt steht (Beobachterperspektive), wie beim Betrachten eines Gemäldes. Immersive Erfahrungen gehen mit der Überzeugung einher, man befinde sich nicht in einer virtuellen, sondern in einer realen Umgebung. So treten bei Höhenerfahrungen, Reden vor großem Publikum oder beim Anblick einer Vogelspinne im virtuellen Raum die gleichen Symptome mit derselben Intensität auf, wie dies bei Erlebnissen in Realität geschehen würde.

Das liegt daran, dass die gleichen neuronalen Prozesse bei Usern in realen Situationen ablaufen, wie bei vorgestellten oder virtuellen Szenarien. Demnach wird dem User mittels Virtual Reality glauben gemacht, er befinde sich in einer echten Umgebung.

Konfrontationserfahrungen werden durch einen hohen Immersionseffekt in ihrer Realitätsnähe verstärkt, wodurch schneller ein Gewöhnungseffekt eintritt, der als Ziel hinter jeder Virtual Reality Exposure Therapy (VRET) steht. Das Wissenschaftsteam der VR Coach GmbH notiert hierzu in ihrer kürzlich erschienen Publikation Virtual-Reality-Therapie: “Der Angstreiz kann unter kontrollierten Bedingungen graduell und wiederholt präsentiert werden. In weiterer Folge kommt es zur Gewöhnung, die neurobiologisch mit einer Beruhigung der Amygdala und der damit einhergehenden Veränderung der Reaktionsintensität einhergeht.”(3) Ängste werden also mittels VR generierter Konfrontationserfahrungen regelrecht abgewöhnt. Den Grad der Intensität der Reizauslöser können dabei die Patienten selbst steuern oder er wird von den Therapeuten eingestellt. Im Gegenzug zu klassischen Expositionstherapien, die auf Imaginationen der Probanden beruhen, und abhängig von deren Vorstellungsvermögen sind, wird durch VR und den einsetzenden Immersionseffekt möglichen kognitiven Unvermögen seitens der Patienten gegengesteuert. Immersion setzt bei jedem Patienten ein, unabhängig von dessen kognitiven Fähigkeiten.

Der Einsatz von Virtual Reality in der Psychotherapie bleibt selten monomedial, sondern wird von Gesprächen (Anamnese, Rückfallpräventionsterminen etc.) begleitet, um pathologische Angststörungen wie Logophobie zu therapieren.

Liegt hingegen ein moderates, also nicht-pathologisches Angstverhalten z.B. bei Vorträgen oder Präsentationen vor, bedarf es nicht notwendig einer klinisch-betreuten Therapie. Der Bildungstechnologiemarkt hält bereits einige wenige VR-Anwendungen bereit, mit denen mittelstark ausgeprägte Sprechangst und vor allem Lampenfieber abtrainiert werden können. Auch hier wird grundlegend auf die Wirkung von Konfrontationserfahrungen als Angstlöser gesetzt.

Unsere Virtual Reality Software VR EasySpeech ist hardware- und softwaremäßig eine Stand-Alone-Lösung, denn statt eines Coaches bzw. Therapeuten, der am Ende die Übungsvorträge auswertet, liefert eine angebundene Künstliche Intelligenz ein objektives Feedback. Ausgewertet werden u.a. die Blickkontakte, die mit dem Publikum aufgenommen wurden, die Anzahl und Art der Füllwörter (z.B. sozusagen, quasi, ähm) und der angewendete Wortschatz. Darüber hinaus gibt sie einen Score über die Redegeschwindigkeit und die Emotionalität der gemachten Aussagen aus. Die Vorteile von VR EasySpeech und einigen anderen auf dem Markt erhältlichen Softwares für Rede- und Präsentationstrainings, gegenüber den im Rahmen von zu therapeutischen Zwecken angewandten Softwares, sind nicht nur der flexiblere Einsatz, sondern auch die Programmierung “echter” VR. Auffällig ist, dass die oben genannten VRET-Programme fast ausschließlich mit 360-Grad-Videos arbeiten.


Fühlen Sie sich vor und während eines Vortrages vor großem Publikum unwohl? VR-Softwares können hier Abhilfe leisten (Blick von der Konferenzbühne in VR EasySpeech).

© QUELLE: Verlag Dashöfer

Programmierte VR-Umgebungen, wie bei VR EasySpeech, besitzen gegenüber Videos eine höhere grafische Auflösung und bieten flexiblere Interaktionen mit der virtuellen Umgebung an. Aufgabenstellungen und Handlungsoptionen sind nur mittels programmierter VR möglich, da die Umgebungen frei konstruiert werden können (“ontologische Offenheit”). Hierdurch stellt sich auch kein Abnutzungseffekt ein, da die Trainingsräume z.B. durch zufällig eingespielte Störungen durch das Publikum immer wieder neu erfahren werden können. Ein Konglomerat an 360-Grad-Videos bietet eben keine solche Varianz, sind doch die Videos irgendwann durchgelaufen und zeigen immer wieder das gleiche Geschehen - statt Abgewöhnung stellt sich hier wohl eher eine Abstumpfung ein. “Echte”, also programmierte VR-Welten wie bei VR EasySpeech haben hingegen den positiven Effekt, dass sie längerfristigen Nutzen garantieren.

Zusammenfassung

Die Technologie von Virtual Reality bietet ein wertvolles Werkzeug bei der therapeutischen Arbeit (VRET), stellen sich bei Menschen in bestimmten Situationen dysfunktionale Ängste ein. Kann keine Diagnose einer vorliegenden Logophobie gestellt werden, stellen sich aber dennoch regelmäßig unangenehme und blockierende kognitive, physiologische oder behaviorale Symptome ein, können Anwendungen, wie VR EasySpeech enorme Hilfe leisten, diese regelrecht abzutrainieren. Mittels selbst gesteuerter Konfrontationserfahrungen können Betroffene durch wiederholte Exposition mit den angstauslösenden Settings eine Gewöhnung erzielen und so sehr viel souveräner Ausnahmesituationen, wie das Reden vor einem großen Publikum, erlernen. Digitale Trainingssoftwares wie VR EasySpeech leisten durch ihre realitätsnahen, abwechslungsreichen und interaktiven Szenarien einen großen Mehrwert, wenn es um die Überwindung von Lampenfieber und moderat ausgeprägten Sprechängsten geht.

Quellen und Hintergründe:

Bild: fauxels (Pexels, Pexels Lizenz)

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