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Is this the real world?

12.01.2022  — Matthias Wermke.  Quelle: Verlag Dashöfer GmbH.

Facebook heißt jetzt Meta. Ein Paukenschlag donnerte im Oktober letzten Jahres durch die Medienwelt – doch groß etwas verändert hat sich seither für den Otto-Normal-Facebook-User gefühlt (noch) nicht. Das Produktportfolio, also Whatsapp, Instagram und Facebook selbst, scheint sich durch die Umbenennung des Mutterkonzerns nicht wirklich verändert zu haben.

Die Auswirkungen sind allerdings größer als man zunächst meint und es werden unfassbare Summen in die Entwicklung des neuen Metaverse investiert. Doch was ist das eigentlich und was sind die Folgen der Neuausrichtung Facebooks?

„Bist du noch bei Facebook?“

Ist der Ruf erst ruiniert, entwickelt es sich ganz ungeniert. Facebook ist wie Pizza zu bestellen oder einen Diesel zu fahren: Man weiß, dass das nicht wirklich gut für die Umwelt und einen selbst ist, doch irgendwie tut man es aus Gewohnheit und Bequemlichkeit doch. Und auch immer neue Nachrichten darüber, dass die Arbeitsbedingungen bei Lieferdiensten katastrophal sind oder wie sehr sich unser Klima verändert, verändern unsere Nutzung und unseren Konsum nur sehr langsam.

Dieses Phänomen beschreiben die Sozialwissenschaften als sogenannte „Value-Action-Gap“, also sehr vereinfacht gesagt als Handlung wider besseren Wissens. Es ist nicht vermessen zu sagen, dass diese Ambivalenz des postmodernen Menschen die Lebensgrundlage vieler Unternehmen ist – und Facebook stellt eins der besten Beispiele dar.

Too big to fail

Spätestens seit den Enthüllungen der ehemaligen Facebook-Mitarbeiterin und Whistleblowerin Frances Haugen ist bekannt, dass Facebook, Instagram und Co. nicht nur einen zersetzenden Einfluss auf Gesellschaft und Individuum haben, sondern ihnen diese Probleme auch noch bekannt sind und dass zuletzt der Versuch, sie unter Verschluss zu halten, stärker verfolgt wird, als sie zu lösen.

Denn Facebook brummt. Zwar liegt die Aktie des Unternehmens nicht mehr auf dem Rekordhoch, das im September letzten Jahres erreicht worden ist, jedoch gehört das Unternehmen nach wie vor zu den fünf wichtigsten und wertvollsten börsennotierten Tech-Unternehmen und ist derzeit etwas mehr als 910 Milliarden Dollar wert. Eine Milliarde ist eine Eins mit neun Nullen – läuft.

Das ist Metaverse

Doch trotzdem will Facebook sich weiterentwickeln, um weiterhin relevant zu bleiben und letztlich auch die Marktmacht zu sichern bzw. noch weiter auszubauen. Die Antwort heißt Metaverse – nicht nur eine digitale Welt mit scheinbar unbegrenzten Möglichkeiten, sondern vielmehr eine alternative Realität, die in der Welt des Internets stattfindet. Statt das WWW im nüchternen Sinne zu „nutzen“ und nur „draufzuschauen“, soll man daran teilnehmen, es gewissermaßen physisch erleben.

Die Idee ist also, dass man im Gegensatz zu vorher eher zum Akteur wird, der in der digitalen Welt interagiert, und weniger der Konsument bleibt, der wir gerade noch sind. Man kann sich das in etwa so vorstellen, dass man sich mit einer VR-Brille (praktisch: Facebook hat mit Oculus einen eigenen Hersteller als Tochter-Unternehmen) in diese Welt begibt und hier mit einem eigenen Avatar Geschäfte besucht, einkauft, sich mit anderen trifft, Dinge erlebt und so weiter.

Dabei ist der Punkt der Dezentralität entscheidend. Anders als derzeit, wo alles auf einzelnen Plattformen wie Google, Facebook oder Amazon abläuft, soll das Metaverse von seinen Usern selbst gestaltet werden. Jeder soll eigene Räume, Welten, Aktionen und Interaktionen schaffen können. Insofern gelten für das Metaverse der Idee nach keine physikalischen Gesetze, mit denen wir uns in der echten Welt rumschlagen müssen. Doch in Hinblick auf die Kommunikation, aber auch auf Wirtschaft und Handel ist diese Realität von der analogen nicht weit entfernt.

Willkommen in der Zukunft

Denn natürlich lässt sich das Metaverse nicht nur zu Unterhaltungs- und Kommunikationszwecken nutzen, sondern auch für wirtschaftliche Belange. Die Themen Blockchain, NFTs oder Kryptowährung bekommen in diesem Zusammenhang noch größere Bedeutung.

Während diese Begriffe für manche, oder vielleicht sogar für die meisten, noch böhmische Dörfer sind, sieht man inzwischen bekannte Hollywood-Schauspieler für Kryptowährungen im Fernsehen schon Werbung machen. Hier ist also etwas auf dem Vormarsch, das durch Entwicklungen wie dem Metaverse noch weiter beschleunigt wird.

Die Sch(r)öpfung

Die Befürchtung, die man trotz aller verheißungsvollen Möglichkeiten haben muss, ist, dass die Politik bei dieser Geschwindigkeit des technologischen Fortschritts Schwierigkeiten haben wird, Schritt zu halten. Dass die Gesetzgebung schon jetzt kaum in der Lage ist, die Tech-Giganten zu reglementieren, hat sich eindrucksvoll in der Anhörung Mark Zuckerbergs vor dem US-Senat gezeigt, die offensichtlich keine tiefergehenden Konsequenzen nach sich zog, wie die Offenlegungen Frances Haugens bewiesen.

Sollte das Metaverse also tatsächlich die Dimensionen annehmen, wie es sich Zuckerberg und Facebook vielleicht wünschen mögen, dann ist es unumgänglich, dass es sich dort nicht um einen rechtsfreien Raum handelt, sondern um einen, in dem es klare Regeln, eine unabhängige Kontrollinstanz und die Möglichkeit gibt, Fehlverhalten zu sanktionieren.

Bedenklich ist ebenso, dass das Ziel des Ganzen zwar Dezentralisierung ist und das Internet weniger von Monopolen als von Individuen gestaltet werden soll, die Fäden aber doch logischerweise bei den Betreibern vom Metaverse zusammenlaufen. Damit würde sich ein Machtgefüge totalen Ausmaßes entwickeln, das selbst George Orwell noch überraschen würde.

Zuletzt mag das Metaverse für viele Kritiker wie ein zynischer Eskapismus wirken: Während die Welt vor großen Herausforderungen und Problemen steht, die zwingend gelöst werden müssten, sich gleichzeitig aber auch gesellschaftlich vieles zum Besseren entwickelt, kann man unterstellen, dass hier ein Weg gesucht wird, sich mit lustigen Avataren und tollen Möglichkeiten vor der analogen Wirklichkeit zu verstecken und theologisch gesprochen selbst Schöpfer zu sein, statt die gegebene Schöpfung zu bewahren. Man braucht allerdings nicht gläubig zu sein, um den zweiten Ansatz erst einmal für erstrebenswerter zu erachten, bevor man sich zu neuen digitalen Gestaden auf macht.

Die Frage, ob sich Metaverse durchsetzen wird oder ein Luftschloss bleibt, und aufgrund der hohen Investitionszahlen vielleicht sogar das Ende Facebooks bedeutet, entscheidet letztlich der Nutzer.

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Bild: Bradley Hook (Pexels, Pexels Lizenz)

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