Flachdächer: Diskussionen ohne Ende (II)

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Zweiter Teil des Artikels über den ewigen Streit um das flache Dach.

von Simone Hübener

Lesen Sie hier noch einmal den ersten Teil »

Das im ersten Teil angeführte Beispiel zeigt auch, dass es sich für Architekt und Bauherren lohnen kann, den Dialog mit den Behörden zu suchen, für das geplante Flachdach zu werben – und zwar möglichst frühzeitig. So gelang es beispielsweise auch Matthias R. Schmalohr aus Bückeburg, in einer von Satteldächern geprägten Umgebung und trotz des Paragraphen 34 BauGB (Örtsüblichkeit), die Erweiterung eines Häuschens aus den 1950er Jahren nicht mit dem geforderten Satteldach, sondern mit einem Flachdach bauen zu können. Die Strategie war denkbar einfach: Anhand zweier Skizzen und verschiedener Modelle demonstrierte er, welches Volumen der erlaubte Anbau haben und wie viel verträglicher sich der Kubus in seine Umgebung einfügen würde.


Oft lassen sich die Behörden mit einfachen Mitteln überzeugen, wie hier beim Pueblo-Haus von Matthias R. Schmalohr in Oelde.

Die Nachbarn waren von der Idee eines Flachdachs nicht begeistert. Da ihre Gärten – wie auch bei obigem Fall – dank des Flachdachs weniger verschattet würden, akzeptierten sie allerdings den Entwurf. Als "Gegenleistung" versprach Schmalohr der Behörde, den Altbau unangetastet zu lassen. Doch daran, diesen umzubauen, hatte sowieso niemand gedacht.

Die Proportionen des von Schmalohr entworfenen Kubus' wirken harmonisch. Dies ist bei Flachdachbauten leider nicht immer der Fall, denn EnEV & Co. zwingen die Architekten dazu, auf einem Flachdach einige Zentimeter Dämmung einzuplanen. Dadurch wirke aber so manches Flachdach überschwer, meint Arvid Stoeppler von Stoeppler + Stoeppler Architekten aus Hamburg. Der Abstand zwischen den Fenstern des obersten Geschosses und der Dachkante würde oftmals zu groß.

Beim Amt für Stadtplanung und Stadterneuerung Stuttgart setzt man in Bestandsgebieten auf die Vorgabe von Satteldächern, um das Ortsbild zu erhalten. Aber: "Bei gewerblicher Nutzung und Zweckbauten in Kerngebieten werden meist aus Gründen der Zweckmäßigkeit Flachdächer festgesetzt", so Günter Munz vom Sachgebiet Recht und Verfahren. Doch warum ist diese Dachform dort zweckmäßig und bei Wohngebäuden nicht? Allein wegen der Größe der Grundfläche und dem damit verbundenen hohen First bei einem geneigten Dach? Sofern unter dem Sattel-, Walm- oder Pultdach eines Wohnhauses nutzbarer Raum entsteht, lässt sich diese Begründung nachvollziehen.


Noch wirkt das Haus S. in Bretten wie ein Fremdkörper. Durch den Generationenwechsel bei den Bewohnern könnten aber nach und nach auch die Nachbarhäuser umgebaut werden. Das heute Ungewohnte würde Normalität. (Bilder: Henning Baurmann)
In München seien Gebiete, in denen man fast ausschließlich Flachdachhäuser baue, bei der Bevölkerung sehr umstritten, erklärt Michael Hardi, Öffentlichkeitsbeauftragter des Referats für Stadtplanung und Bauordnung. Schuld an dieser ablehnenden Haltung gegenüber den "Schuhschachteln" hat die Architektur der 1950er und 60er Jahre. Die Gebäude dieser Zeit hatten vielerorts keinen Bezug zu ihrer Umgebung, waren mangelhaft gebaut und hatten eben oft ein undichtes Flachdach. Beide Elemente scheinen durch diese Historie untrennbar miteinander verbunden, woraus die bis heute ablehnende Haltung resultiert.

Die Autorin

Simone Hübener studierte Architektur in Karlsruhe und Rom. Sie arbeitet als freie Architekturjournalistin für renommierte Fachzeitschriften und das Online-Portal german-architects.com.

Seit 2007 ist sie freie Mitarbeiterin bei frei04 publizistik in Stuttgart und hat seit Januar 2010 gemeinsam mit Dr. Ursula Baus die Geschäftsführung des gemeinnützigen Vereins architekturbild e.v. inne.

www.simonehuebener.de
Zusammenfassend sprechen für Steildächer, dass sie dauerhaft – allem Fortschritt der Technik zum Trotz – dichter sind, die Energie der Sonne – sofern der First entsprechend ausgerichtet ist – einfacher genutzt werden kann und je nach Gebäude zusätzlich Wohn- und/ oder Lagerraum entsteht. Das Flachdach punktet mit dem geringeren umbauten Volumen, bei vielen aufgrund seiner Ästhetik, der klaren, kubischen Form der Gebäude, die sich mit einem solchen Dach realisieren lässt und der ökologisch sinnvollen Begrünung. Damit sich die "grüne" Bilanz allerdings nicht ins Gegenteil verkehrt, wollen die Abdichtungsmaterialien sorgfältig gewählt sein. Man denke nur an das aus Erdöl hergestellte Bitumen. Die Mehrzahl der genannten Kriterien betreffen einzig und allein die Bauherren, ihren Geldbeutel und ihre Risikobereitschaft, und dennoch ist die Gegenwehr bei vielen Entscheidungsträgern immer noch groß. Sind deren Augen einfach an geneigte Dächer gewöhnt? Gehört auf ein deutsches Haus ein Sattel- oder Walmdach? Bringen die Mitarbeiter der Behörden und auch die Bevölkerung Flachdächer immer noch mit Industriebauten in Verbindung? Wir wüssten gerne, wie Sie darüber denken. Schreiben Sie uns. Wir sind gespannt auf Ihre Meinung. Und stellen sie auf dieser Plattform zur Diskussion.

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(Erschienen im eMagazin von german-architects.com am 2. Juni 2010)
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