Armut inmitten des Wohlstands

07.12.2023  — Samira Sieverdingbeck.  Quelle: Verlag Dashöfer GmbH.

Eine aktuelle Studie des UNICEF-Forschungsinstituts Innocenti beleuchtet das Armutsrisiko von Kindern in wohlhabenden Ländern. „Child Poverty in the Midst of Wealth“ analysiert 39 Länder der OECD und EU und wirft einen genauen Blick auf die Entwicklungen der letzten zehn Jahre sowie die Auswirkungen von sozial- und familienpolitischen Maßnahmen.

Insgesamt sind 69 Millionen Kinder in den berücksichtigten Gebieten betroffen – jedes fünfte Kind. Obwohl viele Staaten Kinderarmut erfolgreich reduziert haben, stagniert oder verschlechtert sich die Lage in einigen Regionen. Mit 15,5 % befindet sich Deutschland bezüglich des Armutsrisikos für Kinder im oberen Drittel. Jedoch stagniert das Armutsrisiko in Deutschland seit Jahren und zeigt einen unzureichenden Rückgang im Vergleich zu anderen wohlhabenden Nationen. Insgesamt schafft es die Bundesrepublik nur auf Platz 25 von 39. Im internationalen Vergleich zeigen sich Dänemark, Slowenien und Finnland als Vorbilder. Die Türkei, Rumänien und Spanien haben mit besonders hohen Armutsquoten zu kämpfen.

Die Studie verdeutlicht, dass ein niedriges Armutsrisiko nicht zwangsläufig an eine hohe Wirtschaftskraft gekoppelt ist. Als Beispiel werden Spanien und Slowenien herangezogen, die zwar ein ähnliches Bruttoinlandsprodukt pro Kopf haben, deren Kinderarmutsrisiko sich jedoch deutlich unterscheidet (Spanien: 28,0 %; Slowenien: 10,0 %). Auch in Deutschland ist die Kinderarmut unter Betrachtung der Wirtschaftsleistung verhältnismäßig hoch.

Besonders besorgniserregend ist die Tatsache, dass 51 % der armutsgefährdeten Kinder in Deutschland einem dauerhaften Armutsrisiko ausgesetzt sind. Dies wirkt sich nachhaltig negativ auf das Wohlbefinden der Kinder aus und unterstreicht die Notwendigkeit, die Dauerhaftigkeit der Armut zu berücksichtigen.

Vermehrte Armut in bestimmten Gruppen

Einige Gruppen sind länderübergreifend besonders von Armut bedroht. Auch in Ländern, in denen das allgemeine Risiko niedrig liegt, sind die Kinder von Eltern mit ausländischer Staatsbürgerschaft 2,4-mal häufiger von Einkommensarmut betroffen als Kinder, deren Eltern keine ausländische Staatsbürgerschaft haben. Auch Kinder von alleinerziehenden Eltern sowie Kinder mit Behinderung sind besonders häufig von Armut betroffen.

17 Ländern ist es gelungen, das Armutsrisiko zwischen 2012 und 2021 für Kinder um mehr als 10 % zu senken. Polen, Slowenien, Lettland und Litauen konnten sogar mehr als 30 % Senkung erzielen. Gleichzeitig stagniert das Armutsrisiko jedoch in ebenfalls 17 Ländern. In Norwegen, der Schweiz, Frankreich, Island und Großbritannien ist das Risiko sogar deutlich gestiegen. Länderübergreifend ist zu erkennen, dass die gestiegenen Verbraucherpreise einkommensschwache Familien besonders stark treffen.

Familienleistungen haben positiven Einfluss

Die Studie konnte zeigen, dass passend dazu viele Länder ihre Ausgaben für Familienleistungen zwischen 2010 und 2019 deutlich erhöht haben. Parallel dazu sank das Armutsrisiko (teilweise sogar deutlich). „Viele Länder schaffen es, über Sicherungssysteme Kinderarmut deutlich zu reduzieren. In Deutschland wäre die relative Kinderarmut ohne Sozialleistungen, Familienleistungen oder Wohngeld etwa doppelt so hoch“, schreibt das Deutsche Komitee für UNICEF in ihrer Zusammenfassung der Studie. Jedoch sind die Ausgaben für Familienleistungen in Deutschland seit 2010 nur leicht gestiegen und die Effektivität hat seit 2012 abgenommen – es ist also noch Luft nach oben.

Empfehlungen an die Politik

Die Empfehlungen des Deutschen Komitees für UNICEF an die Politik betonen die Notwendigkeit, die sozialen Sicherungssysteme für Kinder auszubauen, die Höhe der Leistungen anzupassen und die Berechnung des Existenzminimums zu überarbeiten, um die tatsächlichen Bedürfnisse der Kinder zu berücksichtigen. In die Infrastruktur von Bereichen wie Bildung und Betreuung solle investiert werden, um diese auszubauen und zugänglicher zu machen. UNICEF fordert darüber hinaus eine familienfreundliche Arbeitswelt, da ein geregeltes Erwerbseinkommen der Eltern Kinder essenziell vor Armut schützt. Außerdem betonen sie, dass Maßnahmen ergriffen werden sollten, um gefährdete Gruppen zu identifizieren, gezielt anzusprechen und effektiv zu unterstützen.


Hier können Sie den vollständigen Innocenti-Bericht auf Englisch downloaden.
Hier finden Sie eine Zusammenfassung des Berichts auf Deutsch.

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Bild: Allan Mas (Pexels, Pexels Lizenz)

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