Profilierung durch soziale Arbeit in Bibliotheken am Beispiel der Stadtbibliothek Stuttgart

17.11.2015  — Von Peter MarusElke Brünle. Quelle: Verlag Dashöfer GmbH

8.4.2.0 Literatur und Internetquellen
8.4.2.1 Jugendcliquen in der Bibliothek als Herausforderung und Chance: Ein multiprofessionelles Pilotprojekt als erster proaktiver Lösungsansatz und als Impuls für ein neuartiges kooperatives Engagement der Jungen Bibliothek wie auch der Bibliothek als Ganzes für die Zielgruppe Jugendliche
8.4.2.2 Die drei Projektphasen, ihre Hauptziele und ihre wichtigsten Etappen bzw. Meilensteine im Überblick
8.4.2.2.1 Pilotprojekt: Projektphase I von Dezember 2015 – März 2017
8.4.2.2.2 Zweijähriges Anschlussprojekt: Projektphase II von März 2018 – Februar 2020
8.4.2.2.3 Vierjähriges Anschlussprojekt: Projektphase III von März 2020 – Dezember 2023
8.4.2.3 Wesentliche Merkmale von Projektphase II (März 2018 – Februar 2020)
8.4.2.4 Wesentliche Merkmale von Projektphase III (März 2020 – Dezember 2023)
8.4.2.5 Die Arbeit mit jungen Menschen braucht Professionalität, Struktur und Haltung: Multiprofessionelles Projektteamwork, feste Verankerung im Bibliothekskollegium und anwaltschaftlicher Einsatz für die Zielgruppe
8.4.2.6 Die Arbeit mit jungen Menschen braucht Raum: Vom Projekt genutzte Freiflächen und Räumlichkeiten in und um die Bibliothek
8.4.2.7 Die Arbeit mit jungen Menschen braucht Vernetzung: Kooperationen mit einer Vielzahl von lokalen, regionalen und überregionalen Partner:innen
8.4.2.8 Öffentlichkeitsarbeit und Projektkommunikation nach außen
8.4.2.9 Projektkommunikation nach innen
8.4.2.10 Ebene Musik als Beispiel – Einblicke in die inhaltlich gewinnbringende Zusammenarbeit
8.4.2.11 Die aktuelle Projektevaluation aus bibliothekswissenschaftlicher Perspektive
8.4.2.12 Stolpersteine der Projektphasen I, II und III (Stand: Dezember 2022)
8.4.2.13 Lessons learned und Erfolgsfaktoren in den Projektphasen I, II und III (Stand: Dezember 2022)
8.4.2.14 Ausblick
Übergeordnetes Kapitel Zum Inhaltsverzeichnis

Peter MarusElke Brünle: »Profilierung durch soziale Arbeit in Bibliotheken am Beispiel der Stadtbibliothek Stuttgart« (In: Erfolgreiches Management von Bibliotheken und Informationseinrichtungen, hrsg. von Prof. Cornelia VonhofProf. Dr. Konrad Umlauf, Auflage 83, Hamburg: Verlag Dashöfer 2023, Abschn. 8.4.2)

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8.4.2.0 Literatur und Internetquellen

Fregin, Simon u. a. (2020): „Also eigentlich machen wir die gleiche Arbeit wie im Stadtteil, bloß an einem außergewöhnlicheren Ort“. Praktische Einblicke in die Arbeit im (halb-)öffentlichen Raum. In: Praxishandbuch Mobile Jugendarbeit. Hrsg. v. Landesarbeitsgemeinschaft Mobile Jugendarbeit/Streetwork Baden-Württemberg e. V. Berlin: Frank & Timme, S. 123–137.

Hadanovic, Alena (2020): Chancengleichheit fördern durch die Einbeziehung sozialer Einrichtungen in die Bibliotheksarbeit. Projektanalyse der Mobilen Jugendarbeit im Europaviertel. Bachelorarbeit. Online unter: https://stadtbibliothek-stuttgart.de/content/pdf/mja/Hadanovic_Chancengleichheit_foerdern_durch_die_Einbeziehung_sozialer_Einrichtungen_in_die_Bibliotheksarbeit_Bachelorarbeit.pdf

Marus, Peter (2018): Mobile Streetworker project at Stuttgart Municipal Library, Germany. A cooperation between Municipal Library and Mobile Youth Work in Stuttgart. In: International Federation of Library Associations and Institutions (IFLA) Newsletter Dezember 2018. Übers. v. Robyn Stenzel. Online unter: https://www.ifla.org/g/libraries-for-children-and-ya/mobile-streetworker-project-at-stuttgart-municipal-library-germany/

Meyer, Thomas u. a. (2017): „Freizeitort Europaviertel“. Abschlussbericht der wissenschaftlichen Begleitung. Stuttgart. Online unter: https://stadtbibliothek-stuttgart.de/content/pdf/mja/Abschlussbericht_Phase_I_Mobile_Jugendarbeit_im_Europaviertel.pdf

Meyer, Thomas/Daum, Stefan/Rayment-Briggs, Daniel (2020): Streetwork im Europaviertel – Projektphase II. Eine Evaluation von Struktur-, Prozess- und Ergebnisqualität der aufsuchenden Jugendarbeit im Europaviertel. Abschlussbericht. Mit einem Gastbeitrag von Susanne Krüger. Stuttgart. Online unter: https://stadtbibliothek-stuttgart.de/content/pdf/mja/Abschlussbericht_Phase_II_Mobile_Jugendarbeit_im_Europaviertel_lang.pdf

Meyer, Thomas/Krüger, Susanne (2022): Streetwork im Europaviertel – Projektphase III. Potenziale der Kooperation zwischen aufsuchender Jugendarbeit und Stadtbibliothek im Europaviertel. Zwischenbericht der wissenschaftlichen Begleitung. Zwischenstand 2020–2022. Stuttgart. Online unter: https://stadtbibliothek-stuttgart.de/content/pdf/mja/Zwischenbericht_Phase_III_Mobile_Jugendarbeit_im_Europaviertel.pdf

Mobile Jugendarbeit im Europaviertel (2019): Einblicke in die Praxis. In Eigenregie erstellter Videofilm zur Projektpräsentation. Online unter: https://youtu.be/EjgnY_wSJD0

Motzko, Meinhard (2008): Abschied von der Lebenslüge der Bibliothek für alle. In: BuB 60, Heft 1, S. 50–55.

Stadtbibliothek Stuttgart (2021): 10 Jahre Stadtbibliothek am Mailänder Platz – 5 Jahre Streetworkprojekt von Stadtbibliothek und Mobiler Jugendarbeit. Projektstand – wissenschaftliche Erkenntnisse – Perspektiven. Live-Aufzeichnung der Veranstaltung vom 03.11.2021. Online unter: https://youtu.be/Glpl3yRE5t0

8.4.2.1 Jugendcliquen in der Bibliothek als Herausforderung und Chance: Ein multiprofessionelles Pilotprojekt als erster proaktiver Lösungsansatz und als Impuls für ein neuartiges kooperatives Engagement der Jungen Bibliothek wie auch der Bibliothek als Ganzes für die Zielgruppe Jugendliche

Im Herbst 2015 sah sich das Kollegium der 2011 eröffneten neuen Stuttgarter große HerausforderungZentralbibliothek binnen kürzester Zeit einer großen Herausforderung gegenüber, der mit erprobten internen Problemlösungsstrategien nicht mehr zu begegnen war: Das um die Bibliothek neu entstehende Stadtquartier mit Wohn-, Hotel- und Bürogebäuden sowie mit dem über Stuttgart hinaus ausstrahlenden, großen Einkaufszentrum „Milaneo“ hatte innerhalb einer Jahresfrist eine derart hohe Attraktivität für v. a. junge Menschen erlangt, dass es rasch Treffpunkt für zahlreiche Cliquenzu einem beliebten Treffpunkt für zahlreiche Cliquen dieser Altersgruppe geworden war. Darunter befanden sich auch viele Bewohner:innen einer großen, nahegelegenen Gemeinschaftsunterkunft für geflüchtete Menschen. Insbesondere der zentral gelegene und unmittelbar an die Bibliothek angrenzende Mailänder Platz war dabei in den Fokus der Jugendlichen gerückt und zu einem Ort geworden, an dem sich täglich sehr viele von ihnen versammelten – oft im Gruppenverband, mit langer Aufenthaltsdauer und konfliktreiche Auseinandersetzungennicht selten lautstark sowie in konfliktreichen Auseinandersetzungen untereinander. Mit Einsetzen der kühleren Witterung verlagerte sich diese Situation in die Bibliotheksräume und führte dort sofort zu bislang nicht gekannten Spannungen und Konfrontationen mit anderen Besucher:innen, dem Wachdienst und dem Personal der BrennpunktBibliothek. Im Januar 2016 erklärte die Stuttgarter Polizei den Mailänder Platz und das ihn umgebende Europaviertel in ihrer neuen Sicherheitskonzeption für die Innenstadt zu einem Brennpunkt.

auch weiterhin ein offenes HausIn der Überzeugung, auch weiterhin ein offenes Haus von Menschen für Menschen bleiben und der Entwicklung nicht mit Sanktionen gegenüber den Jugendlichen und mit mehr Wachpersonal begegnen zu wollen, gelang es der Stadtbibliothek, Mobile Jugendarbeit als Partnerindie Mobile Jugendarbeit Stuttgart (MJA) als Partnerin zu gewinnen und mit ihr in der ersten Jahreshälfte 2016 ein Pilotprojekt zum „Freizeitort Europaviertel“ zu initiieren. Das Projekt hatte eine systematische Ist-Analyse durch Streetworkgänge, offene Projektveranstaltungen für Jugendliche und Gruppeninterviews mit Bibliotheksmitarbeitenden zum Gegenstand. Eng eingebunden war dabei, neben den für die Zentralbibliothek sowie für die Kinder- und Jugendbibliotheksarbeit verantwortlichen Direktionsmitgliedern, das Team der Jungen Bibliothek, dessen Arbeitsschwerpunkte bis dato primär auf schulische Themen und kulturelle Jugendbildung ausgerichtet waren. Die Projektleitung teilten sich die Bibliothek und die Mobile Jugendarbeit partnerschaftlich. Zudem wurde eine multiprofessionelle Projektsteuerungsgruppemultiprofessionelle Projektsteuerungsgruppe etabliert, die sich aus Verantwortlichen des Jugendamts, des Kulturamts, der Jugendsozialarbeit, mehrerer Polizeiabteilungen, der Stabsstelle Sicherheitspartnerschaft in der Kommunalen Kriminalprävention, des Einkaufszentrums sowie weiterer Anlieger:innen zusammensetzte. Wissenschaftlich begleitet wurde das Pilotprojekt von Thomas Meyer, Professor am Institut für angewandte Sozialwissenschaften der Dualen Hochschule Baden-Württemberg am Standort Stuttgart.

Im September 2016 lagen die differenzierten Ergebnisse des Pilotprojekts (Projektphase I) verbunden mit kurz-, mittel- und langfristigen Handlungsempfehlungen für weitere kooperative Maßnahmen vor. Auf dieser Basis entwickelten die Stadtbibliothek und die Mobile Jugendarbeit zusammen eine Konzeption und Kostenabschätzung für ein auf zwei Jahre angelegtes Folgeprojekt (Projektphase II).

Der vorliegende Aufsatz dokumentiert die Struktur, die Finanzierung, die personelle Zusammensetzung, die inhaltliche Konzeption und Ausgestaltung sowie die Zielsetzung und den Verlauf der zweiten wie auch der mittlerweile laufenden dritten Projektphase. In Phase III sind nunmehr, neben der inzwischen vermehrt auch in Freizeitthemen aktiven Jungen Bibliothek und der von Anfang an im Projekt engagierten Musikbibliothek, zudem alle Publikumsebenen der Zentralbibliothek eng eingebunden. Die Projektevaluation erfolgt außerdem inzwischen nicht mehr nur seitens der Sozialwissenschaft, sondern interdisziplinär gemeinsam mit der Bibliothekswissenschaft.

8.4.2.2 Die drei Projektphasen, ihre Hauptziele und ihre wichtigsten Etappen bzw. Meilensteine im Überblick

8.4.2.2.1 Pilotprojekt: Projektphase I von Dezember 2015 – März 2017

Zielsetzung:

  • Ist-Analyse

  • Suche nach Ansatzpunkten für eine Befriedung der Situation, für eine gezielte positive Interaktion mit den vor Ort anwesenden jungen Menschen und für eine Einbindung ihrer Bedürfnisse in das Angebotsspektrum der Bibliothek

Meilensteine:

  • Ausloten der Möglichkeiten und Zielsetzung einer bilateralen Zusammenarbeit und Projektvorbereitung; Dezember 2015 – März 2016

  • Aktive Projektphase mit 39 Streetworkgängen der MJA in der Bibliothek und im Europaviertel (dokumentiert in Form von schriftlichen Protokollen), mit der Möglichkeit des Herbeirufens der Streetworker:innen in schwierigen Situationen mit Jugendlichen, mit drei offenen Projektveranstaltungen für Jugendliche im Hinblick auf deren Bedürfnisse und Wünsche, mit Gruppeninterviews mit Mitarbeitenden der Bibliothek und mit regelmäßigen Sitzungen des Projektleitungsteams und der Projektsteuerungsgruppe; April – Juni 2016

  • Auswertung der Streetworkprotokolle und der Projektveranstaltungen, Zusammenfassung der Projektergebnisse und Handlungsempfehlungen durch die wissenschaftliche Begleitung; Juli – September 2016

  • Durchführung zweier Trainings „Ansprache von Jugendlichen/Jugendcliquen“ für das Kollegium der Zentralbibliothek durch MJA und Junge Bibliothek; November 2016

  • Reflexion der Ergebnisse durch die Projektleitung und die Projektsteuerungsgruppe sowie Erörterung von Realisierungs- und Finanzierungsmöglichkeiten der Handlungsempfehlungen; September 2016 – Januar 2017

  • Präsentation der Projektergebnisse und Vorstellung des geplanten Folgeprojekts (Projektphase II) in zwei Ausschüssen des Stuttgarter Gemeinderats (Ausschuss für Kultur und Medien, Jugendhilfeausschuss) sowie in einer öffentlichen Abschlussveranstaltung; Februar – März 2017

  • Mittelakquise und Gewinnung weiterer Projektpartner:innen für das anvisierte Folgeprojekt; April 2017 – September 2018

8.4.2.2.2 Zweijähriges Anschlussprojekt: Projektphase II von März 2018 – Februar 2020

Zielsetzung:

  • Befriedung der Situation durch Streetwork und Cliquenarbeit

  • Mobile Beratungsangebote für junge Menschen

  • Kooperative Freizeit- und Bildungsangebote für Jugendliche vor Ort, Konfliktmanagement und Netzwerkarbeit im Quartier

  • Coaching von Mitarbeitenden der Einrichtungen im Viertel

Meilensteine:

  • Besetzung der jugendsozialarbeiterischen Stellen; März – April 2018

  • Zuordnung des Josephine-Lang-Kabinetts auf der Ebene Musik im 1. OG als zentraler Raum für das Projekt: Zunächst im Sinne eines Jugendtreffs als Freizeitort angedacht, verschob sich diese Funktion bereits früh auf die Wiese vor der Bibliothek. Das Kabinett behielt essenzielle Funktion als geschützter Ort für die Einzelfallhilfe; ab April 2018

  • Erstes programmatisches Highlight des Projekts gemeinsam mit der Jungen Bibliothek: Hip-Hop-Kulturwoche „edYo!cation“; August 2018

  • Besetzung der jugendbibliothekarischen Stelle im Projektteam; September 2018

  • Anschaffung und Ausbau eines gebrauchten Wohnwagens für das Projekt mit Standort vor der Bibliothek als Anlaufstelle für junge Menschen; November 2018 – Januar 2019

  • Öffentliche Informationsveranstaltung „Einblicke in die Praxis“ zum Projekt mit dem Ersten Bürgermeister der Landeshauptstadt Stuttgart und mit Vorstellung des wissenschaftlichen Zwischenberichts; Juli 2019

  • Organisation und Durchführung eines „Netzwerktags“ in der Stadtbibliothek mit lokalen und regionalen Akteur:innen, um nach den im Projekt gewonnenen Erfahrungen (über-)städtisch Bedarfe zu erkennen, zu benennen und fächerübergreifend sowie ressourcenverbindend zu bearbeiten; September 2019

  • Selbstorganisierte Demonstration zahlreicher im Projekt angedockter Jugendlicher vor dem Stuttgarter Rathaus im Vorfeld der Verhandlungen zum Doppelhaushalt 2020/2021 mit der Forderung nach einer Fortführung des Projekts; Oktober 2019

  • Durchführung einer „Ideenwerkstatt“ mit Bibliotheksmitarbeitenden, Sozialarbeiter:innen anderer Standorte und Akteur:innen aus dem Stuttgarter Norden, um eine Sammlung von potenziellen Angeboten anzulegen; November 2019

  • Beschluss des Stuttgarter Gemeinderats über die Finanzierung von weiteren vier Projektjahren; Dezember 2019

8.4.2.2.3 Vierjähriges Anschlussprojekt: Projektphase III von März 2020 – Dezember 2023

Zielsetzung:

  • Konsolidierung der erreichten Befriedung

  • Fortsetzung von Streetwork und Cliquenarbeit sowie mobiler Beratungsangebote für junge Menschen

  • Intensivierung der gemeinsam entwickelten jugendkulturellen Programmangebote

  • Ausschöpfung des Potenzials der mittlerweile gut eingeschwungenen Kooperation mit Blick auf eine jugendgerechte Stadt und weitere multiprofessionelle, kooperative Angebotsformen zu den Themenkomplexen „Informations- und Medienkompetenz“, „Bildungsgerechtigkeit“, „Interkulturalität“ und „Antidiskriminierung“

  • Schaffung von Partizipationsmöglichkeiten

  • Erprobung von prozess- und ergebnisorientierten methodischen Ansätzen und Arbeitsweisen

  • Entwicklung von Best-Practice-Formaten und deren Transfer in die Stadtteilarbeit von Stadtbibliothek und Mobiler Jugendarbeit

Meilensteine:

  • Nahtlose Projektfortsetzung in identischer Zusammensetzung und Struktur; ab März 2020

  • Erstmals interdisziplinäre Projektevaluation durch Sozial- und Bibliothekswissenschaft; ab März 2020

  • Pandemiebedingte Schließung der Bibliothek für den Publikumsverkehr und für den Aufenthalt vor Ort wie auch Schließung des Projektwohnwagens, verstärkt digitale Aktivitäten zur Aufrechterhaltung der Beziehungen zu den jungen Menschen sowie Einzelfallhilfe und Begleitung Jugendlicher im möglichen Rahmen der Infektionsschutzmaßnahmen; März 2020 – Mai 2020

  • Strukturelle Änderung durch Einbindung des Projekts „Mobile Jugendarbeit im Europaviertel“ in die, nach der sogenannten Stuttgarter Krawallnacht, neu geschaffene Struktur „Mobile Jugendarbeit Innenstadt / Europaviertel“; Juni 2020

  • Implementierung der Internetplattform Vox711 (https://vox711.de) gemeinsam mit ausdrucksreich e. V., um jungen Menschen in Stuttgart auf kreativ-mediale Weise eine Stimme zu geben, ursprünglich entstanden aus einer Projektidee, mit Jugendlichen einen Podcast zum Thema Grundgesetz zu produzieren und diesen zu präsentieren; Juli 2020

  • Befragung der Mitarbeitenden von Stadtbibliothek und MJA zu ihren Einstellungen und Assoziationen zum eigenen und jeweils anderen Berufsbild; Juli 2020

  • Ausmusterung des inzwischen abgenutzten Projektwohnwagens, Bau einer Holzterrasse gemeinsam mit jungen Menschen auf dem ehemaligen Wohnwagenplatz, beginnende Planungen für ein Tiny House als neue Anlaufstelle vor der Bibliothek; ab September 2020

  • Bau von Holzmöbeln für die Terrasse gemeinsam mit jungen Menschen unter Anleitung eines Schreiners, welche die Aufenthaltsqualität des Ortes enorm gesteigert haben und vom gesamten Sozialraum (Passant:innen, Angehörige der umliegenden Firmen, Geschäfte und Betriebe, Bibliotheksbesucher:innen, Adressat:innen des Projekts) als Pausen- und Rückzugsraum angenommen werden; April 2021

  • Umwidmung des Carl-Engelhorn-Kabinetts im 5. OG der Stadtbibliothek zu einem niedrigschwelligen, multifunktionalen Lernraum; Juli 2021

  • Öffentliche Präsentation „10 Jahre Stadtbibliothek am Mailänder Platz – 5 Jahre Streetworkprojekt von Stadtbibliothek und Mobiler Jugendarbeit. Projektstand – wissenschaftliche Erkenntnisse – Perspektiven“; November 2021

  • Sichtbarmachung des Projekts und der Ergebnisse in einem prominent im EG gelegenen, von Junger Bibliothek und Mobiler Jugendarbeit gemeinsam bespielten Bibliotheksbereich; ab Januar 2022

  • Anschaffung eines neuen Bauwagens als Ersatz für den ausrangierten Wohnwagen, der neben der Holzterrasse steht und ebenfalls gemeinsam mit jungen Menschen sowie nach Ideen des Bibliothekspersonals ausgebaut wurde. Eine attraktive Anlaufstelle für die Zielgruppe ist entstanden, die für Einzelfallhilfe, Freizeitgestaltung, kulturelle Jugendbildung und Bibliotheksangebote genutzt wird. Begegnungen und Erfahrungsaustausch finden dort statt. Eine feierliche Eröffnung unter Beteiligung der Politik gab den Startschuss; seit April 2022

  • Fachtag Mobile Jugendarbeit und Bibliotheken im Stadtteil mit Blick auf eine Ausweitung der Kooperation in andere Stadtbezirke; Oktober 2022

8.4.2.3 Wesentliche Merkmale von Projektphase II (März 2018 – Februar 2020)

Inhaltliche Charakteristika der Projektphase II:

Motto „Begegnungen schaffen“Die Projektphase II hatte unter dem Motto „Begegnungen schaffen“ einen sehr explorativen Charakter. Es ging darum, kreativ und out of the box neue Angebote auszuprobieren, zu überprüfen, zu verwerfen oder anzupassen und in das Regelprogramm bzw. in den Alltag des Projekts wie auch der Bibliothek zu implementieren. Ein Beispiel hierfür ist das Format „Soundsession“, das inzwischen regelmäßig im „Klangstudio“, dem Instrumentenraum der Ebene Musik, stattfindet. Es ist aus einem zwanglosen, experimentellen Musiknachmittag heraus entstanden, der sich gleichermaßen an das Laufpublikum, das Bibliothekspersonal wie auch die Zielgruppe der Jugendlichen richtete. Die bereichernden Wechselwirkungen zwischen dem Projekt und den thematisch gegliederten Ebenen der Bibliothek, die in vielerlei Hinsicht zu einer Weiterentwicklung des Bibliotheksangebots geführt haben, werden exemplarisch anhand des Zusammenspiels mit der Ebene Musik in Kapitel 11 erläutert.

Auf- und Ausbau von NetzwerkenDaneben lag ein inhaltlicher Schwerpunkt im Auf- und Ausbau von Netzwerken. Einerseits waren (a) die Kontaktaufnahme und der Austausch mit Institutionen und Akteur:innen im Quartier wie auch außerhalb des Stadtbezirks mit ähnlicher Zielgruppe wichtige Faktoren für die gelingende Weiterentwicklung des Projekts. Unter laufender Einbindung der Expertise anderer Fachleute, des Bibliothekskollegiums und der Anrainer:innen konnte die Projektarbeit in Korrelation mit den selbst gemachten Erfahrungen über die ursprünglich definierten Ziele hinaus kontinuierlich verbessert werden. Dies hatte schnell zur Folge, dass der Mailänder Platz und seine Umgebung von der Polizei nicht mehr als Brennpunkt eingestuft wurden. Im Herbst 2018 zitierte die Stuttgarter Zeitung den damaligen Leiter des Polizeireviers 1 zur Lage auf dem Platz: „Milaneo – Das ist rum. Das Streetworkerprogramm scheint dort Früchte zu tragen.“ Aus der Zusammenarbeit und dem informellen Austausch mit anderen erwuchsen z. B. die Veranstaltungen „Ideenwerkstatt“ und „Netzwerktag“.

Kontaktnetzwerk zu den JugendlichenAndererseits bestand das Networking im (b) Errichten eines Kontaktnetzwerks zu den Jugendlichen, welches bis heute Basis der Alltagsarbeit ist. Mit Hilfe von langen Präsenzzeiten des Projektteams, viel Streetwork und der laufenden Abfrage von Bedarfen bei den Adressat:innen konnte der Platz auf der Bibliothekswiese zu einer zentralen Anlaufstelle v. a. für junge Menschen entwickelt werden. Aber auch Bibliothekskolleg:innen, Beschäftigte aus den Bürogebäuden in der Nachbarschaft sowie Passant:innen finden immer wieder den Weg dorthin. Eine Tischtennisplatte, ein fest montierter Basketballkorb, eine Spielekonsole usw. führen zu niedrigschwelligen Begegnungsmöglichkeiten – untereinander, mit Jugendlichen und mit dem Projektteam. Die dabei entstehenden Gespräche sind nicht nur Grundlage der für das Projekt besonders wichtigen Beziehungsarbeit, durch sie werden auch Probleme ermittelt und Bedarfe sichtbar sowie Ressourcen entdeckt und Hilfsangebote platziert. Zudem ist die Anlaufstelle vor der Bibliothek der Ort, an dem die Anbindung der Zielgruppe an die Programmarbeit der Bibliothek beginnt und versucht wird, gesellschaftliche Partizipation und kulturelle Teilhabe zu ermöglichen.

Mittelakquise/Projektfinanzierung für Projektphase II:

Die Stadtbibliothek und die Mobile Jugendarbeit haben sich zur Finanzierung des Anschlussprojekts unmittelbar nach der Pilotphase Mitte 2017 gemeinsam auf Projektmittel des städtischen Fonds „Zukunft der Jugend“ beworben. Per Ratsbeschluss wurde für die Projektphase II Ende 2017 die Höchstfördersumme des Fonds in Höhe von 100.000 Euro genehmigt. Die Ausschüttung erfolgte an die Mobile Jugendarbeit als nicht städtische Einrichtung. Mit diesen Mitteln wurden die sozialarbeiterischen Projektstellen sowie diverse Sachaufwendungen in Projektphase II finanziert. Parallel dazu genehmigte der Stuttgarter Gemeinderat der Stadtbibliothek für die Laufzeit von zeitlich befristete jugendbibliothekarische StelleProjektphase II eine zeitlich befristete jugendbibliothekarische Stelle im Umfang von 50 Prozent, die sich im Laufe der ersten Jahreshälfte 2018 durch die Spende einer Stiftung auf 80 Prozent und eine vom Rat nachgeschobene Aufstockung schließlich auf 100 Prozent erhöhte. Die Ausschreibung dieser Stelle erfolgte deshalb erst im Juli 2018, während die sozialarbeiterischen Stellen bereits zu Beginn von Projektphase II ausgeschrieben und Schritt für Schritt besetzt wurden. Der Projektbeitrag der Stadtbibliothek erstreckte sich neben der Projektstelle in Vollzeit, der partnerschaftlichen Projektleitung seitens der Bibliotheksdirektion, der engen Projekteinbindung des Teams der Jungen Bibliothek außerdem auf eine aus Bordmitteln finanzierte Projektflankierung durch eine Vielzahl an jugendkulturellen AngebotenVielzahl an jugendkulturellen Angeboten sowie auf die weitreichende Bereitstellung von Räumen und Infrastruktur.

Die Mittelakquise für Projektphase II setzte unmittelbar auf den schon in Phase I geknüpften Kontakten und Kooperationen zur Finanzierung des dreimonatigen Pilotzeitraums auf. Bereits in Phase I erfuhr das Projekt finanzielle Unterstützung von zwei großen örtlichen Stiftungen, dem städtischen Fonds „Zukunft der Jugend“, diversen Geld- und Wohnungsbauinstituten, benachbarten Unternehmen und Ladengeschäften, einer Kirchengemeinde, mehreren Einzelpersonen sowie durch das Preisgeld aus einem mit dem Pilotprojekt gewonnenen Sozialpreis. Das Einkaufszentrum hatte zudem kostenlos nutzbare Räumlichkeiten zur Verfügung gestellt.

Personal- und Sachausstattung der Projektphase II:

Das Team der Mobilen Jugendarbeit bestand in Phase II aus drei Sozialarbeiter:innendrei Sozialarbeiter:innen mit einem Gesamtstellenumfang von 250 Prozent sowie aus einem Jugendbibliothekar in Vollzeit. Er war nicht nur Mitglied des Projektteams, sondern auch Teil der Jungen Bibliothek und bildete die Klammer zwischen den beiden, für dieselbe Altersgruppe zuständigen Teams und gewährleistete somit, dass die Information und Kommunikation sowie organisatorische und inhaltliche Belange zwischen beiden Teams gut ineinandergriffen und in einen fließenden Austausch kamen.

Als Sachausstattung waren im Laufe von Phase II v. a. Dinge für den Projektalltag notwendig: Karten- und Brettspiele, eine Tischtennisplatte, diverse Bälle, eine PlayStation plus Fernseher, Outdoor-Material wie eine solarbetriebene Powerbank oder ein Volleyballnetz sowie ein gebrauchter Wohnwagen inkl. Materialien für dessen Ausbau in Eigenregie gemeinsam mit den Jugendlichen.

Projektstruktur und Gremien der Projektphase II:

dreistufige ArbeitsstrukturDas Projekt „Mobile Jugendarbeit im Europaviertel“ war in der zweiten Phase im Wesentlichen von einer dreistufigen Arbeitsstruktur aus (a) Praxisteam (Streetworker:innen und Jugendbibliothekar), (b) Projektleitungsteam (Verantwortliche der Stadtbibliothek und der Mobilen Jugendarbeit) und (c) Projektsteuerungsgruppe (Praxisteam, Projektleitungsrunde, wissenschaftliche Begleitung sowie ausgewählte externe Expert:innen aus den Bereichen Jugend, Kultur, Sicherheit und Verwaltung) mit Rückkopplungseffekten geprägt.

Die Gruppe all jener Personen und Institutionen, welche das Projekt ideell oder finanziell begleitet (darunter auch Vertreter:innen der Gemeindratsfraktionen) oder daran prinzipiell Interesse gezeigt haben, wurde regelmäßig in Form eines Newsletters (Infobrief) über den Projektstand auf dem Laufenden gehalten und je zur öffentlichen Kickoff- wie auch zur entsprechenden Zwischenberichts- und Abschlussveranstaltung eingeladen.

a) Praxisteam:

Streetworker:innen und JugendbibliothekarDas Praxisteam mit einem Stellenumfang von insgesamt 350 Prozent, das bereits früh im Projekt den Namen „A-Team“ bekam, bestand aus drei Streetworker:innen und dem Jugendbibliothekar. Obgleich diese vier Personen viel gemeinsame Zeit bei der alltäglichen Arbeit und den diversen Aktionen verbrachten, trafen sie sich regelmäßig einmal pro Woche zur sogenannten A-Team-Sitzung, im Bedarfsfall sogar zwei- bis dreimal. Ungefähr jede zweite Woche wurde das Treffen des Praxisteams um das für die systemweite Kinder- und Jugendbibliotheksarbeit zuständige Direktionsmitglied der Stadtbibliothek ergänzt.

hohe Taktung geplanter TreffenDiese ungewöhnlich hohe Taktung geplanter Treffen führte zu einem raschen Zusammenfinden der operativen Ebene. Die in Teamsitzungen investierte Zeit zahlte sich dadurch aus, dass zügig in die direkte Arbeit mit der Zielgruppe eingestiegen werden konnte. Zudem begann schon früh eine Annäherung der beiden Professionen/Institutionen durch einen Austauschprozess über Haltungen und Arbeitsweisen, der bis heute ein Stützpfeiler des Projekts und der Kooperation allgemein ist.

b) Projektleitungsrunde:

Die Projektleitungsrunde setzte sich aus zwei Direktionsmitgliedern der Stadtbibliothek (Hausleitung Zentralbibliothek und Leitung Kinder- und Jugendbibliotheksarbeit) sowie aus den zwei Verantwortlichen für den Dachverband Mobile Jugendarbeit Stuttgart (Trägerschaft: Caritasverband für Stuttgart, Evangelische Gesellschaft Stuttgart, Katholische Kirche in Stuttgart, Evangelische Kirche in Stuttgart) zusammen. Die Projektleitungsrunde traf sich in Projektphase II zehnmal, wobei das Praxisteam immer anwesend und dessen Bericht aus der Projektpraxis stets grundlegend für die weiteren Verabredungen war.

c) Projektsteuerungsgruppe:

Die Projektsteuerungsgruppe setzte sich neben dem Praxisteam, der Projektleitungsrunde und der wissenschaftlichen Begleitung aus Vertreter:innen der folgenden Einrichtungen zusammen: Kulturamt, Jugendamt, Diakonisches Werk, mehrere Dienststellen der Polizei, der Stabsstelle Sicherheitspartnerschaft in der Kommunalen Kriminalprävention, unmittelbar benachbarte Institutionen, geldgebende Stiftungen sowie eine stark vernetzte Akteurin aus dem Gremium bewusst nicht zu großStadtbezirk Nord. Das Gremium wurde bewusst nicht zu groß gewählt, damit es arbeitsfähig blieb und ein guter multiprofessioneller Austausch über Projektentwicklung und weitere -ausrichtung möglich war. Die konstituierende Sitzung der Projektsteuerungsgruppe fand im Oktober 2018 statt. Abgesehen von der öffentlichen Kickoff-Veranstaltung und der ebenfalls für eine breite Öffentlichkeit durchgeführten Abschlussveranstaltung, bei denen die Vertreter:innen der Projektsteuerungsgruppe je anwesend und mit Beiträgen aktiv waren, traf sich das Gremium in Projektphase II insgesamt zweimal in kompletter Runde.

Evaluation der Projektphase II und sich daraus ergebende Konsequenzen für die Projektphase III:

Die wissenschaftliche Begleitung bescheinigte dem Projekt in Phase II sowohl einen positiven hohe AkzeptanzOutcome als auch einen messbaren Impact. Es konnte eine hohe Akzeptanz bei der Zielgruppe und bei den Akteur:innen im Europaviertel festgestellt werden. Für die jungen Menschen bestand ein Nutzen auf verschiedenen Ebenen, z. B. in der unmittelbaren Ansprechbarkeit sowie kompetenten Hilfe bei Problemen oder in der Schaffung von Zugängen zu Bildungsangeboten, besonders in der Stadtbibliothek. Impact-Faktoren waren die Entspannung der Situation auf dem Platz und in der Bibliothek und v. a. die starke Vernetzung im Stadtteil, einhergehend mit einer Sensibilisierung und Verständnisschaffung für die Komplexität der Problemlagen junger Menschen in Stuttgart.

das bislang Erreichte sichernDie erfolgreich umgesetzten Vorhaben in Projektphase II stellten die Projektleitungsrunde vor die Frage, wie das bislang Erreichte gesichert und so bedarfsgerecht und wirkungsvoll wie bisher weiterentwickelt werden kann. Als Optionen standen die Beantragung einer Regelfinanzierung oder eine Verlängerung der Projektlaufzeit um weitere vier Jahre im Raum. Schließlich sprach man sich einstimmig für eine Projektverlängerung aus, denn die Ergebnisse der Evaluation warfen neue Fragen auf, die im Rahmen einer dritten Phase beantwortet werden sollen. Damit folgte das Gremium den Handlungsempfehlungen der wissenschaftlichen Begleitung, die in der Kurzfassung des Abschlussberichts zu Projektphase II (S. 6) ausführte: „Das Europaviertel unterscheidet sich von den meisten Stadtvierteln durch die starke Konzentration und große Vielfalt verschiedenster Akteursgruppen und Besucher*innen. Hieraus ergeben sich einerseits einzigartige Möglichkeiten für interessante Vielfalt an AkteursgruppenAktionen und hohe Zugangspotenziale für potenzielle Nutzer*innen von Angeboten der Jugendsozialarbeit. Andererseits eröffnet diese Vielfalt an Akteursgruppen aber insbesondere auch immense Kooperationspotenziale und -erfordernisse. Dieses hohe Potenzial an Kooperationsmöglichkeiten manifestiert sich dabei insbesondere in Kooperationder mittlerweile äußerst intensiven und fruchtbaren Kooperation zwischen Mobiler Jugendarbeit und Stadtbibliothek, so dass insbesondere die damit einhergehenden Herausforderungen aber auch Chancen im Rahmen einer dritten Projektphase intensiver untersucht werden sollen.“

Expertise aus der BibliothekswissenschaftDer Evaluationsbericht zur Projektphase II machte aber auch deutlich, dass die Sichtweise etwas zu einseitig aus der sozialwissenschaftlichen Perspektive erfolgte. Die wissenschaftliche Begleitung wurde deshalb um die Expertise aus der Bibliothekswissenschaft in Person von Susanne Krüger, ehemals Professorin an der Hochschule der Medien, erweitert. Sie ergänzte den Evaluationsbericht mit einer konzeptionellen Einordnung der zielgruppenorientierten Bibliotheksarbeit mit Jugendlichen und ist seit Phase III gemeinsam mit Thomas Meyer verantwortlich für die flankierende Forschung.

8.4.2.4 Wesentliche Merkmale von Projektphase III (März 2020 – Dezember 2023)

Die dritte Projektphase läuft gegenwärtig und endet im Dezember 2023. Der vorliegende Bericht zeichnet die Entwicklung bis einschließlich Dezember 2022 nach.

Inhaltliche Charakteristika der Projektphase III:

Zwei Wochen nach Beginn erfolgte ab Mitte März 2020 der erste pandemiebedingte Lockdown, der die Schließung der Stadtbibliothek für den Publikumsverkehr und des Projektwohnwagens als Treffpunkt für die Jugendlichen erforderlich machte. Grundlage dessen war die Corona-Landesverordnung von Baden-Württemberg mit je unterschiedlichen Vorgaben für Bibliotheken durch das Kultusministerium und die Jugendsozialarbeit durch das Sozialministerium. Dies stellte einen massiven Einschnitt dar und machte aus dem Stand heraus eine sofortige Neuausrichtung der kaum angelaufenen Projektphase erforderlich.

Social-Media-KanäleGrundlage für die Aufrechterhaltung der praktischen Arbeit war die Bewahrung der aufgebauten Beziehungen zu den im Projekt verorteten jungen Menschen. Dies geschah einerseits über die Social-Media-Kanäle. Adressat:innen im Lockdown, die wie viele Jugendliche unter den Maßnahmen psychisch litten, wurden gezielt über WhatsApp oder Instagram angesprochen und immer wieder nach ihrer inneren Verfassung und akuten Problemen gefragt. Häufig ging es um Bußgelder für Verstöße gegen die Corona-Maßnahmen sowie um Vereinsamung oder beengte Wohnsituationen ohne Rückzugsmöglichkeit. Andererseits wurde versucht, den durch die Vorgaben zum Infektionsschutz abgesteckten Rahmen für die Arbeit Begleitungen bei Behördengängenmit der Zielgruppe maximal zu nutzen. Es gab Verabredungen zu gemeinsamen Spaziergängen und Begleitungen bei Behördengängen sowie eine generelle Einzelfallhilfe zu diversen Themen per Videokonferenz. Dennoch gelang es nicht, Videokonferenzalle Beziehungen zu erhalten. Manche junge Menschen brachen den Kontakt zum Praxisteam ab. Einige entwickelten gar das Gefühl, vom Projekt in dieser Situation im Stich gelassen worden zu sein. Trotz allem wurden viele Bänder zwischen den Jugendlichen und den Mitarbeitenden nicht getrennt, manche festigten sich sogar in dieser Ausnahmesituation. Leider war es aufgrund der unfreiwilligen Schließung der Anlaufstelle nicht möglich, neue Kontakte zu knüpfen, selbst als die Präsenzzeiten wieder hochgefahren wurden, gab es kaum Möglichkeiten für attraktive Aktionen vor Ort.

Das programmatische Angebot verlagerte sich ins Digitale und bestand zu Beginn des ersten Lockdowns aus gemeinsamen Online-Gaming-Sessions. Es folgten Formate über Instagram, z. B. „Insta live mit …“. Hier wurden Institutionen und Personen für Interviews gewonLive-Videosnen, die in Live-Videos auf Instagram über ihre Arbeit berichteten oder ihren Beruf vorstellten. Die Resonanz der Zielgruppe hierzu war unterschiedlich. Im Sommer 2020 entwickelte sich aus einer Idee für ein Gruppengespräch Jugendlicher zum Grundgesetz ein mehrteiliger Podcast über das Einzelschicksal eines jungen Mannes mit Fluchterfahrung. Auf Basis dessen entstand der Kurzfilm „Zum zweiten Mal geboren – die Fluchtgeschichte von Ibraheem“, zu sehen auf dem YouTube-Kanal der Stadtbibliothek Stuttgart (https://youtu.be/uITxxIiwY2Q). Um diesem und weiteren Medienprojekten eine Plattform zu geben, Website Vox711wurde die Website Vox711 gestartet. Auf ihr kommen seither unter dem Motto „Hey Stadt, hör zu!“ junge Stuttgarter:innen zu Wort.

Die gravierendste Zäsur für das Projekt stellte in Phase III die Nacht vom 20. auf den 21. Juni 2020 dar, die sogenannte Stuttgarter Krawallnacht. Ihre Folgen und die im Anschluss getroffenen Entscheidungen des Gemeinderats hatten weitreichende Konsequenzen für das gemeinsame Projekt von Stadtbibliothek und Mobiler Jugendarbeit hinsichtlich der Arbeits- und Organisationsstruktur sowie der inhaltlichen Ausrichtung. In vergleichsweise kurzer Zeit wurden fünf neue jugendsozialarbeiterische Vollzeitstellen für die Stuttgarter Innenstadt geschaffen, die in die Verantwortung der Mobilen Jugendarbeit übergingen. Von Seiten der MJA-Trägerschaft wurde entschieden, das Projekt „Mobile Jugendarbeit im Europaviertel“ als Blaupause für den neuen Wirkungsraum zu nutzen. Es entstand das Team „Mobile Jugendarbeit Innenstadt / Europaviertel“. Die Folge dieser größer angelegten Struktur war ein Findungsprozess, der bis heute anhält. Für die Netzwerk „Integrierte Jugendarbeit“Stuttgarter Innenstadt wurde ein Netzwerk „Integrierte Jugendarbeit“ mit dem Ziel der nachhaltigen Entwicklung einer jugendgerechten Innenstadt geschaffen, welchem Akteur:innen aus Verwaltung, Sozialer Arbeit, Kunst und Kultur angehören. In diesem Netzwerk kann die Stadtbibliothek nicht losgelöst agieren, sondern ist Teil aller dem Kulturamt zugeordneten Einrichtungen. Zudem hat sich das Personalverhältnis bePersonalverhältnis zur Sozialarbeit hin verschobenzüglich der beiden Professionen stark zur Sozialarbeit hin verschoben. Den insgesamt 750 Stellenprozenten steht weiterhin eine jugendbibliothekarische Vollzeitstelle gegenüber. Dieses systemische Ungleichgewicht brachte zunächst eine Diskussion in Gang, die beiden Standorte Europaviertel und Innenstadt strukturell wieder zu trennen, zumal die Zusammenarbeit auf dem Mailänder Platz ein in der Innenstadt nicht ohne Weiteres zu reproduzierendes Alleinstellungsmerkmal darstellt. Allerdings sprachen viele Gründe gegen eine Trennung, z. B. der Erfahrungsaustausch, das Potenzial gangbare Lösungstadtweiter Angebote für die Zielgruppe sowie die auf andere Kultureinrichtungen übertragbaren Schnittmengen. Eine gangbare Lösung wurde gefunden, die beide Projekte arbeitsfähig macht. Innerhalb des Gesamtteams „Mobile Jugendarbeit Innenstadt / Europaviertel“ gibt es nun zwei für den Mailänder Platz und die Stadtbibliothek hauptverantwortliche Streetworker:innen, die gemeinsam mit dem Jugendbibliothekar wieder ein Praxisteam bilden. Das Europaviertel wird im Rahmen der neuen Struktur als ein Sonderstandort mit Vorbildfunktion angesehen, an dem die Zusammenarbeit zwischen Jugendhilfe und Kultureinrichtung bereits in einer weit fortgeschrittenen Erprobungsphase steckt.

Mittelakquise/Projektfinanzierung für Projektphase III:

Am Ende von Phase II war sich die Projektleitung darin einig, dass die auf vier Jahre angelegte Fortsetzung (Phase III) nicht erneut durch eine aufwendig zu akquirierende Mischfinanzierungkommunale Mittel im Doppelhaushalt realisiert werden kann, sondern dass kommunale Mittel im Doppelhaushalt 2020/2021 für Personal und Sachausstattung beantragt werden. Dies erfolgte im Spätherbst 2019 je gesondert durch die Stadtbibliothek im Rahmen der Haushaltsanträge der Kulturverwaltung (Referat Allgemeine Verwaltung, Kultur und Recht) und durch die Mobile Jugendarbeit als anerkannter Träger der freien Jugendhilfe (Referat Jugend und Bildung) im Rahmen ihrer Förderanträge, flankiert von intensiver Politikarbeit. Die Genehmigung der beantragten Stellen und Sachmittel erfolgte Ende 2019 und gewährleistete einen nahtlosen Übergang, der von beiden Einrichtungen personell gleichzeitig vollzogen werden konnte.

Personal- und Sachausstattung der Projektphase III:

Analog zu Phase II betrug der personelle Umfang bis zum Sommer 2020 insgesamt 350 Prozent. Die Schaffung weiterer fünf jugendsozialarbeiterischer Vollzeitstellen für die Stuttgarter Innenstadt nach der sogenannten Krawallnacht hatte deutliche Konsequenzen für die Struktur und den Stellenumfang im Projekt „Mobile Jugendarbeit im Europaviertel“. Die nach der Logik der Standorte der Mobilen Jugendarbeit erfolgte Zusammenlegung der beiden WirkungsräumeZusammenlegung der beiden Wirkungsräume hatte die Bildung eines Gesamtteams „Mobile Jugendarbeit Innenstadt / Europaviertel“ zur Folge, in welchem das partnerschaftliche Projekt von Stadtbibliothek und Mobiler Jugendarbeit unmittelbar aufging. Da es für den Jugendbibliothekar bezogen auf die Stuttgarter Innenstadt keinen Arbeitsauftrag gibt, beschränkt sich seine Mitwirkung jedoch auf gemeinsame Teamsitzungen und regelmäßige Einsätze bei größeren Aktionen.

Im Sommer 2022 wurde als Ersatz für den gebraucht erworbenen und gemeinsam mit den Jugendlichen ausgebauten Projektwohnwagen ein fabrikneuer Bauwagen beschafft. Dieser hat wie sein Vorgänger seinen Standort auf der Wiese vor der Bibliothek und ist über die im Herbst/Winter 2020 gebaute Holzterrasse zugänglich. Der Bauwagen ist bislang die größte Anschaffung im Rahmen der Projektphase III.

Projektstruktur und Gremien der Projektphase III:

Die pandemiebedingten Lockdowns hatten ebenfalls großen Einfluss auf die Gremienstruktur zu Beginn der dritten Phase.

a) Praxisteam:

während der LockdownsDas Praxisteam kam während der Lockdowns per Videokonferenz regelmäßig zusammen oder traf sich getrennt zu persönlichen Zweiergesprächen. Die fehlenden gemeinsamen Handlungsmöglichkeiten im Alltag führten jedoch mit der Zeit zu einer Art „Entfremdung“. Hintergrund dieser waren die unterschiedlichen Arbeits- und Rahmenbedingungen, welche für den Bibliotheksbetrieb und die Jugendsozialarbeit von den je zuständigen Ministerien vorgegeben wurden. Dieser Zustand löste sich durch intensive Kommunikation, Reflexion und gegenseitige Aussprache auf, als das physische Zusammensitzen wie zuvor möglich war. Außerdem wurde darauf geachtet, schnell wieder Angebote zu platzieren, die das zum jeweiligen Zeitpunkt innerhalb der Pandemie maximal Machbare darstellten. Dazu zählten am Anfang v. a. persönliche Gespräche mit jungen Menschen.

b) Projektleitungsrunde:

Die Fortführung der Projektleitungsrunde gestaltete sich 2020 schwieriger, da man sich innerhalb der Institutionen neuen, durch die Pandemie ausgelösten Herausforderungen gegenübergestellt sah. Bis zum Herbst gab es weniger Austausch, was den Aushandlungsprozess bezüglich der Ereignisse und Veränderungen nach der „Krawallnacht“ erschwerte. Zum Ende des Jahres hin und in 2021 fand man jedoch wie gewohnt zusammen, zunächst per Videokonferenz und in bilateralen Telefonaten. Ab Herbst 2021 gab es auch wieder regelmäßige Sitzungen in der Stadtbibliothek, die etwa alle zwei Monate stattfanden. Somit konnten mit einiger Verzögerung wichtige Aspekte der dritten Projektphase gemeinsam geklärt werden, darunter die Rolle der Stadtbibliothek in der GesamtkonstellationRolle der Stadtbibliothek in der Gesamtkonstellation einer Integrierten Jugendarbeit für eine jugendgerechte Innenstadt, das Thema Multiprofessionalität als zu evaluierendes Objekt der interdisziplinären Forschungsbegleitung und die Vision der Weiterentwicklung des Projekts im Europaviertel.

c) Projektsteuerungsgruppe:

Die halbjährlich geplanten Sitzungen der Projektsteuerungsgruppe mussten in der Hochphase von Corona aufgrund der großen Personenzahl entfallen. Eine angedachte Videokonferenzlösung entpuppte sich als nicht zielführend. Für ein solches Format gab es in diesem Gremium zu viele Akteur:innen mit voneinander abweichenden Terminkalendern und verschiedenartigen akuten coronabedingten Aufgaben und Problemstellungen. Daher wurde das Tagen der Projektsteuerungsgruppe ausgesetzt. Einzig Treffen zwischen Vertreter:innen der Polizei und dem Team „Mobile Jugendarbeit Innenstadt / Europaviertel“ kamen auf dem Polizeirevier 2 zustande. Inhalt der Gespräche waren informeller Austausch über Spannungen auf dem Mailänder Platzder informelle Austausch über Spannungen auf dem Mailänder Platz, um eine potenzielle Wiederholung von Krawallen durch junge Menschen im Europaviertel rechtzeitig zu detektieren. Ansonsten wurde die Projektsteuerungsgruppe durch regelmäßige Infobriefe über das Projekt auf dem Laufenden gehalten.

Evaluation der Projektphase III und erste Zwischenergebnisse:

Die zu Beginn von Phase III eingetretenen Veränderungen durch die Faktoren Pandemie und „Krawallnacht“ haben die Weiterentwicklung der Kooperation zwischen kultureller Jugendbildung und Jugendsozialarbeit neuen Rahmenbedingungen unterworfen, an die eine Anpassung notwendig war. Digitale Angebote und neue Vermittlungsansätze und -methoden kamen intensive Arbeit in den sozialen Medienhinzu, z. B. die intensive Arbeit in den sozialen Medien. Außerdem weitete sich der Blick aller Projektbeteiligten über das Europaviertel hinaus zu einer Vision des solidarischen und friedlichen Miteinanders in einer jugendgerechten Stadt. Dass die multiprofessionelle Zusammenarbeit hierfür ein wichtiger Schlüssel sein kann, haben die positiven Erfahrungen der ersten zwei Phasen deutlich aufgezeigt. Bewusst wurden im weiteren Vorgehen Themen gesetzt, bei denen die beteiligten Professionen gleichermaßen auf Augenhöhe ihre Expertise einbringen und mehr als die Summe der einzelnen Teile das Ziel darstellt. Inhaltliche Schwerpunkte sind demgemäß aktuell die Themen Bildungsgerechtigkeit, Antidiskriminierung, Interkulturalität sowie Informations- und Medienkompetenz. Der Projektstrukturen verstetigenklare Kurs ist, der Zielgruppe professionell zu begegnen, die Projektstrukturen zu verstetigen und die erprobte Partnerschaft im Quartier sowie darüber hinaus zu verankern.

Seit September 2022 liegt ein Zwischenbericht der wissenschaftlichen Begleitung für die Projektphase III vor. Quantitative sowie qualitative Befragungen, die 2020 und 2021 in den beiden Institutionen unter den Angehörigen der zwei Berufsgruppen „Bibliothekar:in“ und „Sozialarbeiter:in“ durchgeführt wurden, brachten großes Potenzial des Projektsdas große Potenzial des Projekts im Besonderen und der Kooperation zwischen Stadtbibliothek und Mobiler Jugendarbeit im Allgemeinen zum Vorschein. Fast alle Befragten merken an, dass es viele Parallelen und Übereinstimmungen zwischen beiden Professionen gibt und bewerten die entstehenden Möglichkeiten als positiv. Dies gilt laut Zwischenbericht (S. 17) v. a. für diese vier Aufgaben:

  • „Unterstützung der jungen Menschen bei der Aneignung von ‚Bibliothek‘“

  • „Hilfestellung und Impulse bei der Nutzung von Angeboten, Informationen und Medien in der Bibliothek“

  • „Unterstützung bei der Alltagsbewältigung“

  • „Nutzung von Ressourcen zum Ausgleich sozialer Benachteiligung und Verbesserung von Bildungschancen“

Prinzip „Auf Augenhöhe“Als wesentlicher Erfolgsfaktor wird neben der Klärung von Begriffen, Haltungen und Zielen das Prinzip „Auf Augenhöhe“ gesehen. Diesbezüglich nehmen die befragten Vertreter:innen beider Kollegien das Projekt als vorbildliches Beispiel wahr.

multiprofessionelle ZusammenarbeitDie gelingende multiprofessionelle Zusammenarbeit hatte zur Folge, dass das Praxisteam nach Wegfall der Infektionsschutzmaßnahmen vergleichsweise schnell in einen hohen Angebotstakt kam. In der Evaluation findet sich die Formulierung (S. 12) „von der ‚angezogenen Handbremse‘ zur ‚Turbo-Geschwindigkeit‘“. Zudem bescheinigt die wissenschaftliche Begleitung (ebd.) eine Weiterentwicklung der Kooperation zwischen Stadtbibliothek und Mobiler Jugendarbeit „vom ‚Nebeneinander‘, über das ‚Füreinander‘ zum ‚Miteinander‘“„vom ‚Nebeneinander‘, über das ‚Füreinander‘ zum ‚Miteinander‘“. Als wichtige Rahmenbedingungen wurden die Motivation der Träger:innen und die zentrale Rolle von Räumen identifiziert.

8.4.2.5 Die Arbeit mit jungen Menschen braucht Professionalität, Struktur und Haltung: Multiprofessionelles Projektteamwork, feste Verankerung im Bibliothekskollegium und anwaltschaftlicher Einsatz für die Zielgruppe

Das Praxisteam aus Jugendbibliothekar und Sozialarbeiter:innen entwickelte früh in Phase II ein eigenes Selbstverständniseigenes Selbstverständnis gegenüber dem Projekt. In diesem fließen die je spezifischen Haltungen, bedingt durch die verschiedenen Arbeitsfelder und -aufträge, beider Professionen zusammen. Die Mobile Jugendarbeit arbeitet anwaltschaftlich für Jugendliche und junge Erwachsene, die von Benachteiligung betroffen oder bedroht sind. Eine Öffentliche Bibliothek richtet sich hingegen an die gesamte Gesellschaft, unabhängig von Alter und sozialem Stand. Dieser Determination ist der Jugendbibliothekar unterworfen. Dennoch handelt er innerhalb des Bibliothekssystems anwaltschaftlich für die Zielgruppe der jungen Menschen.

gemeinsame ZielsetzungAus diesen zwei Einstellungen heraus formte sich eine gemeinsame Zielsetzung des Praxisteams:

Nach außen gerichtet ist es Brückenbauer und Schnittstelle zwischen den unterschiedlichen Systemen Kultur und Soziale Arbeit sowie Lotse für die jungen Menschen und Türöffner zu den Angeboten und Dienstleistungen der Bibliothek.

Nach innen ist in erster Linie der Jugendbibliothekar in der Verantwortung, das Programm bedarfsgerechte Zielgruppenorientierungder Bibliothek auf bedarfsgerechte Zielgruppenorientierung zu überprüfen sowie eine lebenswirklichkeitsnahe Kommunikation desselben und chancengleiche Zugänge zu diesem in Interaktion mit dem Bibliothekskollegium zu verbessern. Das Praxisteam soll außerdem auf unkonventionelle Art und Weise neue Konzepte erproben, verwerfen oder anpassen und sie anschließend aufbereiten, damit sie dauerhaft in die Bibliotheksarbeit implementiert werden können. Zudem dient es wegen des ganzheitlicheren Blicks auf die Zielgruppe, der hohen Anwaltschaftlichkeit sowie einer multidisziplinären Fachlichkeit beiden Institutionen als „Kompass“ hinsichtlich der Themen junger Menschen. Das Projekt trug dazu bei, dass die Mobile Jugendarbeit einen Bildungsbegriff für sich definierte und die Stadtbibliothek sich stärker bewusst wurde, dass BildungsgerechtigkeitBildungsgerechtigkeit unterschiedlich intensive Unterstützungsformen erfordert.

Einbindung des JugendbibliothekarsDie strukturelle Einbindung des Jugendbibliothekars in das Projekt und in die Bibliothek stellt sich in der Praxis wie folgt dar:

Einbindung ins Praxisteam:

  • Er nimmt in unterschiedlicher Intensität an allen vier Arbeitsbereichen der Mobilen Jugendarbeit teil: Streetwork, Gemeinwesenarbeit, Cliquenarbeit, Einzelfallhilfe. Letztere beschränkt sich auf schulische und (aus-)bildungsbezogene Themen, z. B. Bewerbungen.

  • Die Arbeit mit Cliquen findet aus konzeptionellen und rechtlichen Gründen nur dann mit Beteiligung des Jugendbibliothekars statt, wenn sie nicht gänzlich freizeitorientiert und/oder mit weiten räumlichen Entfernungen verbunden ist (z. B. Surfwoche, Wanderausflug im Schwarzwald).

  • Er leistet gleichwertig mit den Sozialarbeiter:innen Beziehungsarbeit. Die dafür aufgewendete Arbeitszeit umfasst insbesondere frei gestaltbare gemeinsame Zeit mit jungen Menschen am Bauwagen und auf der Terrasse, um sich kennenzulernen, Beziehung auszuhandeln und ein Vertrauensverhältnis aufzubauen. Dies führt gewollt dazu, dass die vom Projekt Erreichten nicht zwischen den Professionen im Praxisteam unterscheiden.

Einbindung in die Junge Bibliothek:

  • Er ist neben der Einbindung in das Praxisteam an die Junge Bibliothek angedockt und bringt die Themen des Projekts in die Abteilung ein. Er nimmt an Gremien der Jungen Bibliothek, z. B. am systemweiten „Forum Kinder und Jugend“, teil und verknüpft die besprochenen Inhalte mit den im Projekt gewonnenen Erfahrungen und ermittelten Bedarfen.

  • Er ist Mitglied des Teams der Jungen Bibliothek. In dieser Weise partizipiert er an bibliotheksinternen Aufgaben der Abteilung, obgleich er weitestgehend für das Projekt freigestellt ist und im Rahmen dessen Beziehungs- und Programmarbeit leistet.

Einbindung in die Zentralbibliothek:

  • Er ist in Gremien der Zentralbibliothek eingebunden, sobald sich diese mit Themen beschäftigen, die Auswirkungen auf die Zielgruppe haben. So ist garantiert, dass er die Sichtweise der Adressat:innen des Projekts und die reichhaltigen Erfahrungen einbringen kann.

  • Ferner hat er die Aufgabe, gemeinsam mit den Sozialarbeiter:innen aktiv auf die Ebenen der Zentralbibliothek zuzugehen und sie zum Mitmachen am Bauwagen einzuladen. In diesem Zusammenhang entwickelt er mit den Kollegien neue Angebote für die Zielgruppe. Überdies wird ein laufender Austausch über bereits bestehende Programme der Ebenen gepflegt und im Bedarfsfall eine Öffnung der Angebote im Sinne der ans Projekt angedockten jungen Menschen angestrebt.

8.4.2.6 Die Arbeit mit jungen Menschen braucht Raum: Vom Projekt genutzte Freiflächen und Räumlichkeiten in und um die Bibliothek

Um die Zielgruppe anzusprechen und erfolgreich mit ihr zu arbeiten, bedarf es ganz unterschiedlicher Räume.

öffentliche Flächen und BereicheEssentiell sind öffentliche Flächen und Bereiche, in denen die Lebenswirklichkeit der jungen Menschen stattfindet, die sie frequentieren und sich aneignen. Das sind die Orte, an denen sie durch Streetwork aktiv aufgesucht werden. Im Projekt geschieht dies auf dem Mailänder Platz und in bestimmten Bereichen in und vor der Bibliothek. Der Jugendbibliothekar arbeitet in diesem klassischen Feld der Sozialarbeit mit. Streetwork im benachbarten Einkaufszentrum findet vereinzelt und nur durch die Sozialarbeiter:innen statt. Die Erfahrung zeigt, dass die meisten jungen Menschen das „Milaneo“ zielgerichtet mit der Motivation des Shoppings besuchen und (zunächst) nicht an Angeboten der Mobilen Jugendarbeit und/oder der Stadtbibliothek interessiert sind.

Projektfläche mit IdentifikationspotenzialAn zweiter Stelle ist ein „Raum“ wichtig, der den jungen Menschen alternativ angeboten sowie von und mit ihnen gestaltet wird – eine Projektfläche, die Begegnungs- und Programmmöglichkeiten sowie Identifikationspotenzial bietet. Allerdings muss sie erst von der Zielgruppe angenommen werden. Bezogen auf das Projekt hat sich die Wiese an der Nordostseite der Bibliothek rasch zu einer solchen Anlaufstelle entwickelt, die anfangs mit Sitzmöglichkeiten, dann einem Pavillon und einem Zelt, später einem Wohnwagen und jüngst mit einem ausgebauten Bauwagen plus möblierter Holzterrasse versehen wurde. Feste Größe von Anfang an ist ein Basketballkorb. Mit jedem „Evolutionsschritt“ wuchs der Partizipationsanteil der Jugendlichen und des Bibliothekskollegiums, so dass dieser Wiesenbereich inzwischen als gemeinsamer Ort angesehen wird. Die nächste angestrebte Stufe ist ein Tiny House, dessen baurechtliche Anforderungen hoch sind, weshalb die Realisierung derzeit offen ist.

SchutzraumAls weiterer Punkt ist das Josephine-Lang-Kabinett auf der Ebene Musik im 1. OG zu nennen. Es erfüllt die Funktion eines „Schutzraums“ für die Adressat:innen. Von den Publikumsflächen der Bibliothek aus nicht einsehbar, ist hier Platz für Gespräche zwischen den Projektmitarbeitenden und den jungen Menschen, für Beratungen und Einzelfallhilfen zu unterschiedlichen Themen. Das Kabinett beschreibende Schlagworte sind Vertrauen, Anonymität, FreiwilligkeitVertrauen, Anonymität und Freiwilligkeit.

Schließlich braucht es zusätzlich eine Fläche, die sich nicht primär an die Zielgruppe richtet, sondern auf der das Projekt einem breiten Publikum vorgestellt und zugänglich gemacht wird und Platz für Ergebnispräsentationen besteht. Diese Bühne wurde in Phase III in einem großzügigen Bereich des Erdgeschosses der Stadtbibliothek errichtet.

8.4.2.7 Die Arbeit mit jungen Menschen braucht Vernetzung: Kooperationen mit einer Vielzahl von lokalen, regionalen und überregionalen Partner:innen

Im Verlauf des Projekts ist klargeworden, dass die Vielzahl an Aufgaben und Herausforderungen niemals alleine von Stadtbibliothek und Mobiler Jugendarbeit bewältigt werden kann. Es Verzahnung unterschiedlicher Akteur:innenbraucht die enge Verzahnung unterschiedlicher Akteur:innen und Fachwissen, um mit gemeinsamen Strategien und Ressourcen nachhaltige Lösungen zu schaffen. Dieser integrative Denk- und Arbeitsansatz ist fester Bestandteil im Alltag der beiden kooperierenden Institutionen geworden. Nur zusammen ist man für kommende gesellschaftliche Veränderungen gewappnet. Dies geschieht auf der informellen Ebene, z. B. mit den Netzwerktagen und der Ideenwerkstatt, und ebenso durch Gremienarbeit. Der Abschlussbericht der wissenschaftlichen Begleitung attestiert dem Projekt in Phase II insgesamt 117 neu geknüpfte Kontakte in übergeordneten und sozialraumspezifischen sowie projektbezogenen Gremien, außerdem in Gremien von und mit der Stadtbibliothek. Dies entspricht etwa 1,5 neuen Kontakten pro Woche. Knapp die Hälfte davon ging in einen regelmäßigen Austausch und eine beständige Pflege über. Auf operativer Ebene existiert ein großes, engmaschiges Netzwerk: Von der Vermittlung von Einzelhilfefällen zu „JobConnections“ oder der „Zentralen Schuldnerberatung Stuttgart“ über Aktionen mit „Release U21“ (Prävention, Information und Beratung für junge Menschen unter 21 Jahren), der Jungen Oper oder dem „Gemeinschaftserlebnis Sport“ bis hin zu Unterstützungsangeboten etwa der Fachstelle Extremismusdistanzierung oder der Kriminalprävention kann das Projekt auf ein umfangreiches Fachwissen in unterschiedlichen Disziplinen zugreifen.

Zudem erstreckt sich die Reichweite durch die öffentlichen Veranstaltungen auf viele wichtige Akteur:innen aus Politik und Stadtgesellschaft, die immer wieder beim Projekt zu Gast sind. Der allgemeine Tenor aus vielen Gesprächen ist: integriert arbeitenIntegriert zu arbeiten, bewährt sich über Projekte hinaus und sollte verstärkt und verstetigt werden, um sozialen Herausforderungen entschlossen und nachhaltig zu begegnen.

8.4.2.8 Öffentlichkeitsarbeit und Projektkommunikation nach außen

Eine offensive Öffentlichkeitsarbeit begleitet alle Projektphasen. Dabei geht es einerseits darum, proaktiv über den Stand der Aktivitäten zu informieren bzw. auf dem Laufenden zu halten. Andererseits sollen die Menschen in der Nachbarschaft und im Stadtbezirk, die Verwaltung, Expert:innen aus betreffenden Fachgebieten, aktuelle und potenzielle Geldgeber:innen sowie die Politik gezielt als Projektpartner:innen gewonnen bzw. dauerhaft gehalten werden. Im Einzelnen zählen dazu folgende MaßnahmenMaßnahmen:

  • regelmäßiger Versand von Infobriefen (Newsletter) mit ausführlichen Einblicken in die Projektpraxis

  • prominent platzierte Ausführungen über das Projekt in den Jahresberichten der Stadtbibliothek und der Mobilen Jugendarbeit

  • regelmäßige Berichterstattung in den betreffenden Gremien des Stuttgarter Gemeinderats

  • Erstellung einer Broschüre mit differenzierter Beschreibung des Projektvorhabens zur Mittelakquise für Projektphase II

  • in Eigenregie produzierter Film „Einblicke in die Praxis“ sowie gleichnamige Broschüre

  • regelmäßige, öffentliche Veranstaltungen zum Sachstand des Projekts und zur Möglichkeit des Austausches darüber, u. a. auch Live-Aufzeichnungen

  • feierliche Eröffnung des Projektwohnwagens mit Begleitprogramm

  • feierliche Eröffnung des Projektbauwagens mit Begleitprogramm

  • kontinuierliche Sichtbarkeit im Veranstaltungsprogramm der Stadtbibliothek aufgrund der Beteiligung an vielen Themenschwerpunkten, z. B. Bibliotheksgeburtstag, Tag der Musik

  • Kommunikation mit den jugendlichen Adressat:innen sowie Einladung zu den Projektangeboten über Social Media, vornehmlich Instagram.

8.4.2.9 Projektkommunikation nach innen

Genauso wichtig wie die Außenkommunikation über das Projekt sind die Information und der Dialog über das Projekt innerhalb der beiden Einrichtungen Stadtbibliothek und Mobile Jugendarbeit wie auch bilateral. Dabei geht es darum, die in beiden Fällen auf viele Standorte verstreuten Gesamtkollegien über die wesentlichen Facetten des Projekts in Kenntnis zu setzen, sie gedanklich und fachlich mitzunehmen, immer wieder gezielt einzubinden sowie auf dem Laufenden zu halten und zu einer aktiven Mitwirkung und Kooperation zu motivieren. schriftliche InformationenNeben den hierfür unverzichtbaren schriftlichen Informationen Begegnungsanlässeund Berichten werden zusätzlich immer wieder Begegnungsanlässe geschaffen, bei denen die im Projekt aktiv Mitwirkenden mit den Kollegien der Zentralbibliothek, der Stadtbibliothek insgesamt und der Mobilen Jugendarbeit zusammenkommen und sich austauschen können. Beispiele hierfür sind:

  • Einladung der Gesamtkollegien zu den öffentlichen Informationsveranstaltungen über das Projekt

  • Versand der wissenschaftlichen Zwischen- und Abschlussberichte an die Gesamtkollegien

  • Teilnahme des Projektteams an der regelmäßigen Sitzung der „Ebenenleitungen“ (fachliche Leitungen der unterschiedlichen Publikumsbereiche) in der Zentralbibliothek

  • Einladung der Bibliotheksmitarbeitenden auf die Terrasse, in den Wohnwagen, in den Bauwagen des Projekts – veranstaltungs- und planungsbezogen oder zum lockeren informellen Austausch

  • Hospitation der MJA-Kolleg:innen auf den Ebenen der Zentralbibliothek und Kennenlernen bibliotheksspezifischer Arbeitsweisen

  • Einbindung des gesamten Projektteams in innerbetriebliche Strukturen der Stadtbibliothek, z. B. Weihnachtsfeier

  • Einbindung der Inhalte des Coachings für Mitarbeitende in Projektphase II in die jährliche Unterweisung zur Arbeitssicherheit

  • Fachtag MJA und Bibliotheken im Stadtteil im Oktober 2022 zur Ausweitung der Kooperation auf weitere Stadtbezirke, erste konkrete Ansatzpunkte z. B. bei der „Nacht der Bibliotheken“

8.4.2.10 Ebene Musik als Beispiel – Einblicke in die inhaltlich gewinnbringende Zusammenarbeit

Die programmatische Zusammenarbeit des Praxisteams mit den Mitarbeitenden der thematischen Abteilungen und die daraus entstehenden positiven Wechselwirkungen lassen sich am Beispiel der Ebene Musik darstellen. Die im 1. OG befindliche Musikbibliothek war in den Jahren 2015 bis 2017 aufgrund ihres attraktiven Bestands und einer hohen Aufenthaltsqualität häufig das erste Ziel für Besucher:innen. Der Zulauf vieler Personen mit unterschiedlichen Interessen führte nicht selten zu Spannungen und KonflikteSpannungen und Konflikten – untereinander und mit den Kolleg:innen. Die Ebene Musik stand zu Beginn des Projekts dem Erfolg einer Kooperation der Bibliothek mit Sozialarbeiter:innen skeptisch gegenüber und die ersten Kontaktgespräche verliefen eher verhalten.

Die Zusammenarbeit nahm aus zwei Gründen rasch Fahrt auf: Der erste war die inhaltliche Gemeinsamkeit. Das Praxisteam filterte beim Aufbau von Beziehungen zu jungen Menschen heraus, dass Musik unabhängig von sonstigen Faktoren ein immer präsentes Thema für die Musik als „Eisbrecher“Zielgruppe und in ihrer Lebenswelt fest verankert ist. Musik entpuppte sich als „Eisbrecher“ für das Ziel, Begegnungen zu schaffen. Dabei kam es weder auf eine Musikrichtung noch auf ein bestimmtes Format an. Wichtiger war die Tatsache, Musik für Menschen im öffentlichen Raum hör- und erfahrbar zu machen. Der zweite Grund war die gemeinsame Nutzung von Räumen. Einzelne Bereiche der Musikbibliothek wurden und werden in Absprache abwechselnd oder gemeinsam bespielt. Kurze Wege zwischen der Ebene und der Projektanlaufstelle führten zum intensiven Austausch. Aus Nachbarschaft entstand eine gemeinsame Zielsetzung des Erlebens von Musik, aber auch ein InteraktionsprinzipInteraktionsprinzip: Auf die Idee einer Seite (Aktion) folgte meist eine darauf basierende Konzeptidee der anderen Seite als Weiterentwicklung (Reaktion), wie folgende Beispiele aufzeigen:

  • Ebene Musik hat ein Kabinett zur Digitalisierung von Schallplatten, welches wenig genutzt wird. → Die Mobile Jugendarbeit führt dort ein Veranstaltungsexperiment unter dem Motto „Musikalische Begegnungen schaffen“ durch. → Ebene Musik baut das Kabinett zum „Klangstudio“ um, einen Raum, in dem mit Silent-Instrumenten musiziert werden kann – zunächst mit Zugangsvoraussetzungen. → Die Mobile Jugendarbeit schafft mit der Veranstaltungsreihe „Soundsession“ einen niedrigschwelligen Zugang. → Ebene Musik übernimmt das Format in ihr Regelprogramm. → Die Mobile Jugendarbeit und Ebene Musik führen die Soundsession gemeinsam durch, bespielen beide den Raum und etablieren erfolgreich das Klangstudio.

  • Die Mobile Jugendarbeit plant eine Hip-Hop-Kulturwoche „edYo!cation“. → Ebene Musik plant Aktionen zum Tag der Musik. → Der Austausch führt zu einer Zusammenlegung beider Angebote. → Daraus entstehen:
    (a) Die Mobile Jugendarbeit betreut die Silent Disco beim Tag der Musik und entwickelt aus den Beobachtungen eine Podcast-Idee, welche die Basis der Plattform Vox711 bildet.
    (b) Ebene Musik macht die Erfahrung bei edYo!cation, welchen Einfluss Musik auf die Stimmung auf dem Mailänder Platz hat und etabliert die „Balkonkonzerte“, bei denen Live-Musik von den Außenumläufen der Bibliothek den Platz bespielt.

  • Ebene Musik hebt das Instrument des Jahres heraus (2019: Saxophon). → Die Mobile Jugendarbeit und Ebene Musik veranstalten einen Saxophon-Workshop, zu dem interessierte Nutzer:innen und Adressat:innen des Projekts denselben Zugang haben (Ziele: Begegnungen schaffen, kulturelle Teilhabe).

  • Die Mobile Jugendarbeit hat die Idee für einen Instrumenten-Verschenkmarkt. → Ebene Musik baut einen Bestand ausleihbarer Instrumente als neuen Service auf. → Die Mobile Jugendarbeit kann einem jungen Menschen dadurch eine Violine vermitteln. → Ebene Musik und Mobile Jugendarbeit kümmern sich gemeinsam um dessen Geigenunterricht.

WechselwirkungenDie Wechselwirkungen halten weiter an. Nach einem Besuch des Innenstadtbüros der Mobilen Jugendarbeit, das ein Tonstudio hat, durch die Ebene Musik laufen Musikproduktionsecke in der BibliothekPlanungen für eine Musikproduktionsecke in der Bibliothek, in der eigene Beats produziert werden können. Diese sollen im Bibliotheksbestand verzeichnet und im Online-Katalog recherchier- und abrufbar gemacht werden – ein weiterer Meilenstein für die Projektziele, jungen Menschen eine Stimme zu geben, sie beim Sich-Ausprobieren zu unterstützen und ihr Können für die Öffentlichkeit sichtbar zu machen. Einen Arbeitstitel gibt es bereits: BEATliothek.

8.4.2.11 Die aktuelle Projektevaluation aus bibliothekswissenschaftlicher Perspektive

Die wissenschaftliche Begleitung ist Teil des in allen Projektphasen unternommenen Experiments, zwei unterschiedliche Professionen eng miteinander zu verzahnen und die jeweils spezifische Perspektive zum Wohl des Gesamtprojekts einzubringen. Folglich war es ein konsequenter Schritt, in der laufenden Phase die bibliothekswissenschaftliche Perspektive als originären Teil der Projektevaluation zu ergänzen. Es geht darum, sich wahrzunehmen, die gegenseitigen Vorurteile auszuräumen (z. B. Bibliothekswissenschaft ist nicht gleich Buchwissenschaft) und auf das gemeinsame Ziel hin zu fokussieren.

Gespräche mit dem Praxisteam:

Das Rückgrat der wissenschaftlichen Begleitung sind vierteljährlich stattfindende Gespräche Selbstreflexionmit dem Praxisteam, unterstützt durch einen Gesprächsleitfaden. Sie dienen zur Selbstreflexion des Erreichten sowie zur konstruktiven Kritik und Weiterentwicklung des Konzepts. Die Ergebnisprotokolle erlauben, die Entwicklungsphasen des Projekts nachzuvollAugenhöheziehen und die Faktoren für das Gelingen herauszuarbeiten. So kann z. B. eine deutliche Entwicklung der zwei Professionen hin zu einem „Miteinander auf Augenhöhe“ abgelesen werden.

Befragungen von Mitarbeitenden beider Professionen:

Darüber hinaus wurden zwei Befragungen durchgeführt: erstens eine quantitative Fragebogenerhebung, die sich an Mitarbeitende der Mobilen Jugendarbeit und der Stadtbibliothek richtete, zweitens qualitative Interviews mit den Ebenenleitungen der Zentralbibliothek.

Übereinstimmungen zwischen beiden BerufsgruppenDie quantitative Befragung der Bibliothekar:innen und der Sozialarbeiter:innen über ihr jeweiliges Berufsbild ergab, dass es viele Parallelen und Übereinstimmungen zwischen beiden Berufsgruppen gibt. Dies beginnt bereits bei der Berufswahl, die auf ähnliche Motive und vor allem auf die Bedeutung von Vorerfahrungen verweist, reicht über Erfahrungen im Beruf und wie sich die Fachkräfte mit unterschiedlichen Vorurteilen konfrontiert sehen und erstreckt sich bis hin zu einer durchaus ausgeprägten Kooperationsbereitschaft auf beiden Seiten. Wichtig ist, dass die Kooperation gleichberechtigt bei gegenseitiger Akzeptanz der Unterschiedlichkeiten erfolgt. Der erste Schritt dahin ist ein Abgleich zwischen Selbstbild und Fremdbild. Die Befragung zeigte, dass dafür die Voraussetzungen im Projekt sehr positiv sind. Allerdings gibt es nach wie vor ein unterschiedliches Verständnis von Schlüsselbegriffen und auch die Annäherung sowie die professionelle Haltung gegenüber der Zielgruppe äußert sich anders.

In den qualitativen Interviews der Ebenenleitungen wurde analysiert, wie sich die jeweilige Ebene vor der mit ihr geplanten programmatischen Intervention im Verhältnis zur Zielgruppe „junge Menschen“ versteht. Gemeinsam mit dem erfassten Ist-Zustand wurden Ideen formuliert und die Motivation zur dauerhafte Kooperationdauerhaften Kooperation gesteigert. Nach einem Jahr soll durch eine zweite Befragung überprüft werden, ob und wie die Vorstellungen in die Praxis umgesetzt werden konnten und wie Ergebnisse verstetigt werden können.

Fachtag Mobile Jugendarbeit und Bibliotheken im Stadtteil:

Im Oktober 2022 waren Bibliothekar:innen aus 13 von insgesamt 18 Stadtteilbibliotheken und die Sozialarbeiter:innen der Standorte der Mobilen Jugendarbeit aus den entsprechenden fachlicher AustauschStadtbezirken zu einem ersten fachlichen Austausch eingeladen. Ziel des Fachtags war die Erweiterung des Projekts auf die Stadtteile.

Inhalte der eintägigen, vom Praxisteam und der wissenschaftlichen Begleitung vorbereiteten Veranstaltung in der Stadtbibliothek waren:

  • Klärung: unterschiedliche Haltungen gegenüber der Zielgruppe „Jugendliche/junge Erwachsene“ und Begrifflichkeiten wie „Kultur“, „Bildung“, „Chancengerechtigkeit“ etc.

  • Kooperation: praktisches Erleben der partnerschaftlichen Zusammenarbeit der zwei Berufsgruppen bei der Entwicklung eines „Produkts“ bzw. neuen, gemeinsamen Angebots

  • Impulse: erste Ideen für konkrete Kooperationen oder Projekte in Stadtteilen, in denen beide Einrichtungen gleichermaßen präsent sind

Es wird zwei Online-Befragungen geben, die den Fortschritt der Projekte in den Stadtteilen begleiten sollen.

8.4.2.12 Stolpersteine der Projektphasen I, II und III (Stand: Dezember 2022)

Eine deutliche Erschwernis, aber immer wieder auch ein Vorteil, stellt die unterschiedliche Trägerschaftunterschiedliche Trägerschaft, Struktur, Finanzierung und verwaltungsmäßige Zuordnung der beiden Projektpartnerinnen dar, was sich in jeweils anders gearteten Arbeitsweisen, Zeitläufen, Entscheidungswegen, Zwängen oder Freiheiten sowie auch Formen und Adressat:innen der Politikarbeit manifestiert. Während die Stadtbibliothek als Abteilung des Kulturamts dem städtischen Referat „Allgemeine Verwaltung, Kultur und Recht“ unter Leitung des Ersten Bürgermeisters zugeordnet ist, hat die Mobile Jugendarbeit einen Vereinsstatus mit städtischer Förderung seitens der im Referat „Jugend und Bildung“ angegliederten Jugendhilfeplanung. Somit sind innerhalb der Stadtverwaltung je andere Ämter, Referate und Gemeinderatsausschüsseje andere Ämter, Referate und Gemeinderatsausschüsse mit den beiden Projektpartnerinnen befasst, was Stadtbibliothek und Mobile Jugendarbeit v. a. beim Einwerben und Annehmen von Projektmitteln, bei Stellenschaffungen und bei der Verausgabung von Projektgeldern ganz unterschiedliche Bedingungenunterschiedlichen Bedingungen unterwirft. So wurden etwa die sozialarbeiterischen Stellen für die Innenstadt und das Europaviertel im Nachgang der sogenannten Stuttgarter Krawallnacht in einem ganzen Bündel an Maßnahmen bereits über 2023 hinaus politisch abgesichert, während über die unbefristete Verlängerung der jugendbibliothekarischen Projektstelle erst im Rahmen des kommenden Doppelhaushalts 2024/2025 entschieden wird.

Auf Landesebene setzen sich die unterschiedlichen Zuordnungen zur Kultur einerseits und zum Sozialen andererseits fort, was zur Folge hatte, dass das Projekt in der Hochphase der Pandemie 2020/2021 zwei unterschiedlichen, teils widerstreitende Regelungen der Corona-Landesverordnung widerstreitenden Regelungen der Corona-Landesverordnung für Baden-Württemberg unterworfen war – jener für die Jugendsozialarbeit und jener für die Öffentlichen Bibliotheken. Dass der Jugendsozialarbeit zeitweise Manches erlaubt war, was den Bibliotheken verboten blieb, hatte starke Auswirkungen auf die Projektpraxis hinsichtlich der Organisation und der inhaltlichen Arbeit.

Trotz der unterschiedlichen Profession und Betriebskultur funktioniert die praktische Kooperationpraktische Kooperation von Stadtbibliothek und Mobiler Jugendarbeit sehr gut. Allerdings sind die je für sich geschlossenen Informations- und Kommunikationsplattformen der beiden „Systeme“ Stadtbibliothek und Mobile Jugendarbeit nicht kompatibel, so dass der Zugriff auf das Intranet, auf allgemein wichtige E-Mail-Adressen, auf gemeinsame Ablagen und Ordner sowie auf zentrale Foren und Informationskanäle gegenseitig nicht gegeben ist. Dies ist eine alltägliche Erschwernis, der mit gezielter Information, guter Koordination und der direkten Kommunikation durch planvolle Begegnungen, aber auch durch viele informelle „Zwischen-Tür-und-Angel-Gespräche“ aktiv begegnet werden muss. Als wichtig erweist sich dabei, dass das Team der Jungen Bibliothek mit seinem Büro inzwischen auf der Ebene Musik im 1. OG der Zentralbibliothek untergebracht ist, dort auch einen Schreibtisch für die Sozialarbeiter:innen freihält und nur kurze Wegekurze Wege zum Projektbauwagen vor dem Haus hat.

Als weiterer Stolperstein innerhalb des Projekts erweist sich immer wieder die Tatsache, dass die Stadtbibliothek nur Mieterin in ihren Räumen ist und bei allen baulichen (selbst bei baurechtlich nicht genehmigungspflichtigen) Themen von den bauverantwortlichen Ämtern der in Sachen Raum nur eingeschränkt handlungsfähigStadt abhängig ist. So ist sie in Sachen Raum nur eingeschränkt handlungsfähig, was etwa auch die Nutzung der sie umgebenden eigenen Rasenfläche betrifft. Während der zunächst interimsweise auf dem Bibliotheksgelände abgestellte Projektwohnwagen von den zuständigen Ämtern geduldet worden war, musste die auf mehrere Jahre hin angelegte Nachfolgelösung in Form des Bauwagens ein Genehmigungsverfahren durchlaufen. Das zuerst angestrebte Tiny House auf dem Bibliotheksrasen musste aufgrund der in diesem Fall noch weitaus größeren baurechtlichen Anforderungen vorerst zurückgestellt werden.

Anders als zunächst von beiden Seiten erwartet, erweisen sich die unterschiedliche Fachlichkeit und berufliche Terminologie wie auch die verschiedenartigen Herangehensweisen an Themen und deren Bearbeitung in der Praxis als weitaus weniger schwierig als zunächst angenommen. Auf der Basis einer von Anfang an betont kooperativen und reflexiven Arbeitsweise auf Augenhöhe konnten in allen Projektphasen dennoch immer wieder einmal auftretende Missverständnisse und Irritationen stets in guter Art und Weise, zeitnah und vertrauensvoll ausgeräumt werden.

8.4.2.13 Lessons learned und Erfolgsfaktoren in den Projektphasen I, II und III (Stand: Dezember 2022)

Verantwortliche Bibliotheksarbeit endet nicht an der Haustür oder Grundstücksgrenze:

Mitverantwortung im öffentlichen RaumProjektauslösend war die Verpflichtung, welche die Bibliothek als einzige nicht kommerzielle, kommunale Einrichtung im Europaviertel für sich verspürt hat, Mitverantwortung im öffentlichen Raum zu übernehmen und dort gezielt Angebote zu schaffen. Handlungsleitend war die Überzeugung, dass Jugendliche als wichtiges Zielpublikum der Bibliothek ein genaues Augenmerk verdienen und mit ihren differenzierten Bedürfnissen ernstgenommen werden müssen – egal, ob sie sich im Haus oder vor dem Haus aufhalten. Tatsächlich hat das proaktive, programmatische Vorgehen bald Früchte spürbare Entspannung in der Bibliothekgetragen. Die durch das Projekt erzielte Veränderung im Umfeld hatte unverzüglich eine spürbare Entspannung in der Bibliothek zur Folge. Bibliotheken als öffentliche Orte und der öffentliche Stadtraum gehen fließend ineinander über und stehen in enger Wechselbeziehung, die durch Moderation und Partizipation gezielt positiv entwickelt werden kann.

Fluide Nutzung von Räumen durch junge Menschen:

Für die adressierte Zielgruppe bedarf es einer Anlaufstelle mit Treffpunktcharakter und Mitgestaltungsmöglichkeiten sowie eines geschützten Raums für individuelle Hilfestellungen und Beratung. Der Wechsel zwischen diesen unterschiedlichen Bereichen erfolgt durch die jungen Menschen fluide und neben dem Besuch anderer, im Rahmen der Programmarbeit kennengelernter Bibliotheksflächen. Vor diesem Hintergrund erlangt die seit Jahren fachlich diskutierte Frage, ob eine Zentralbibliothek zwingend eine eigens ausgewiesene Jugendbibliothek benötigt oder in allen Bereichen attraktiv für die Zielgruppe sein soll und sie mitdenken muss, durch die gemachten Projekterfahrungen neue Facetten, die an dieser Stelle aber nicht weiter erörtert werden sollen.

Lösungsorientierung statt Problemorientierung:

für ein gelingendes Gemeinwesen eintretende Einrichtung positionierenIndem die Bibliothek die aus der Situation entstandene Herausforderung angenommen und über die eigene Fläche hinaus nach Lösungen gesucht hat, taten sich ungeahnte Chancen und neue Möglichkeiten auf, nicht nur im Hinblick auf das Angebotsspektrum. Mit dem gemeinsam mit der Mobilen Jugendarbeit gewählten Lösungsansatz konnte sich die Bibliothek in der Stadtöffentlichkeit einmal mehr als engagierte, aktiv für ein gelingendes Gemeinwesen eintretende Einrichtung positionieren.

Multiprofessionelle, vernetzte Herangehensweise und systemisches Denken:

ergebnisoffene HerangehensweiseDurch das Vorgehen gelang es schnell, vom Reagieren ins Agieren zu kommen und mehr Fachkompetenzen einzubinden als die eigene Expertise. Die ergebnisoffene Herangehensweise ermöglichte einen grundsätzlich erweiterten Blickwinkel und einen laufenden Reflexionsprozess, der für alle Phasen charakteristisch ist. Die Bibliothek bleibt räumlich, methodisch und in der Wahl der Mittel und Ausstattung nicht auf ihre eigenen Möglichkeiten beschränkt, sondern kann zusammen mit den Projektpartner:innen aus einem Füllhorn an Kompetenzen, Erfahrungen, Ideen und Sichtweisen schöpfen, Neues erproben und sich weiterentwickeln. Doch auch bei einer vertrauensvollen, multiprofessionellen Zusammenarbeit muss immer wieder bewusst die Perspektive der „anderen Seite“ eingenommen und überlegt werden, was für diese wichtig ist. Nicht verhandelbare Bereiche und rote Linien sollten ausgelotet und ausgesprochen werden, um einerseits Enttäuschungen und Missverständnisse zu vermeiden und andererseits einer als beliebig erscheinenden Auflösung der jeweiligen Professionen entgegenzuwirken. Dass nach knapp fünfjähriger, intensiver Kooperation die Strukturänderung in Richtung Innenstadtteam nach der „Krawallnacht“ ohne vorherige Information der Stadtbibliothek erfolgt ist, zeigt, wie lange es dauert, bis Projektpartner:innen auch in Ausnahmesituationen stets die Belange des/der jeweils anderen berücksichtigen und in Abstimmung bringen.

Prozessorientierte, explorative Arbeitsweise:

Der prozessorientierte, explorative Arbeitsansatz im Projekt hat sich unmittelbar auf die Arbeitsweise einzelner Ebenen ausgewirkt. Früh haben die besonders intensiv beteiligten Ebenen der Bibliothek diese Form des Arbeitens übernommen und sich mehr und mehr von der ergebnisorientierten Herangehensweise an Themen verabschiedet. Es wurden kleinteilige, experimentelle Schrittekleinteilige, experimentelle Schritte möglich, die unter Mitwirkung des jugendlichen Publikums eine hohe Dynamik erhielten, neue Perspektiven eröffneten und überraschende Ergebnisse zeitigten. Gleichzeitig wurde im Haus eine Kultur des Einfach-mal-Anfangens, des Ausprobierens, des Nachjustierens, des Verwerfens, des Neu-und-Andersdenkens in der Praxis etabliert – mit hoher Motivation und Experimentierfreude.

Dreistufige Projektstruktur, Blaupause für andere Projekte und unterschiedliche Verfasstheit der Projektpartnerinnen als Gewinn:

Die dreistufig verzahnte Projektstruktur stellt sicher, dass neben Ansätzen, Aktivitäten und Erfahrungen des Praxisteams auch operative und strategische Belange der Projektpartnerinnen sowie Fachlichkeit und Sichtweisen anderer, mit Zielgruppe und Quartier befasster Expert:innen aus verschiedenen Berufen und Institutionen in die Weiterentwicklung des Projekts einfließen. Das Projekt fußt qualitativ und quantitativ auf einer kraftvollen Allianz von Personen. Alle Beteiligten sind auch Multiplikator:innen in ihrem jeweiligen Arbeitszusammenhang, stellen Synergieeffekte her und bewirken eine große Reichweite des Projekts.

Formal ließe sich die Projektstruktur auf jede Kooperation von besonderer Tiefe übertragen. Inhaltlich dient das Projekt in Stuttgart als Blaupause für die Innenstadtkonzeption, in welcher nach dem Vorbild des Europaviertels Kultur und Soziales zur Befriedung des öffentlichen Raums eng vernetzt werden.

Stolpersteine haben auch VorzügeDie Stolpersteine des Projekts hinsichtlich der unterschiedlichen Struktur, Trägerschaft, Finanzierung und verwaltungsmäßigen Zuordnung haben aber auch Vorzüge. Jede Projektpartnerin verfügt über Möglichkeiten, Ausrüstung, Vorgehensweisen, Kontakte, Wege und Mittel, die der anderen verschlossen sind. In Kooperation kann dies gemeinsam ausgeschöpft und zum Nutzen des Projekts eingesetzt werden. Die unterschiedliche Verfasstheit der Projektbeteiligten birgt insgesamt mehr Vor- als Nachteile. Sie erlaubt es, im Projekt auf ein Optimum an Möglichkeiten zuzugreifen.

Flankierung durch wissenschaftliche Begleitung:

Die wissenschaftliche Begleitung kann für den praktischen Projektverlauf, das Erkenntnisinteresse und den -gewinn, die fachliche und interdisziplinäre Bewertung der Ergebnisse sowie die Weiterentwicklung nicht hoch genug eingeschätzt werden. Sie zwingt alle Beteiligten zur Klarheit in der Formulierung der mit dem Projekt zu beantwortenden Fragestellungen, zu präzisen Ziel- und Schwerpunktsetzungen, zur Reflexion der praktischen Arbeit sowie der verfolgten Strategien und zum Austausch über Ergebnisse und deren Konsequenzen. Die wissenschaftliche Evaluation hilft bei der Einordnung in einen fachlichen Gesamtkontext, schafft eine Basis für den interdisziplinären Fachdiskurs und gibt mit begründeten Handlungsempfehlungen potenzielle Richtungen vor. Bei Politikarbeit und Mittelakquise erweisen sich fundierte wissenschaftliche Erkenntnisse schlagkräftigwissenschaftliche Erkenntnisse als besonders schlagkräftig für Finanzierungs- und Stellenbedarfsforderungen. Dass im Verlauf der Projektphasen und ihrer Evaluation neben die sozialwissenschaftliche auch die bibliothekswissenschaftliche Fachlichkeit getreten ist, stellt die logische Konsequenz der erfolgreichen Projektentwicklung dar, welche die Arbeit in der Stuttgarter Stadtbibliothek nachhaltig verändert hat.

Best Practice früh weitergeben und vervielfältigen:

Bereits in Phase I wurde begonnen, bewährte Ergebnisse aus der Praxis weiterzugeben und im Bibliothekssystem nutzbar zu machen. Ein Beispiel ist die Handreichung für die Ansprache von Jugendcliquen in der Bibliothek, basierend auf einem Training für Kolleg:innen im AuskunftsdienstTraining für Kolleg:innen im Auskunftsdienst, ein anderes der stadtweite Fachtag von Mobiler Jugendarbeit und Stadtbibliothek im Oktober 2022 mit dem Ziel, im Projekt erprobte Arbeitsweisen, Veranstaltungsformate und Aktivitäten auf Stadtteilebene zu bringen. Bei dieser Gelegenheit lernten sich die Streetworker:innen und Bibliotheksmitarbeiter:innen aus den Stadtteilen kennen und nach der Vorstellung von Best-Practice-Beispielen entwickelten Tandems aus beiden Professionen konkrete Ansatzpunkte und Zeitschienen für ihre Zusammenarbeit im unmittelbaren Wohnumfeld.

8.4.2.14 Ausblick

Zusammenarbeit mit der Mobilen Jugendarbeit auf dauerhaftes Fundament stellenIn der noch verbleibenden Projektlaufzeit wird die Stadtbibliothek intensive Bemühungen unternehmen, um die Zusammenarbeit mit der Mobilen Jugendarbeit auf ein dauerhaftes Fundament zu stellen und in einer passenden Nachfolgestruktur zu verstetigen. Eine Vollzeitstelle hat die Bibliothek für den nächsten Doppelhaushalt 2024/2025 beantragt. Nur durch die unbefristete Einbindung einer jugendbibliothekarischen Stelle in die bereits politisch abgesicherte Struktur für die Mobile Jugendarbeit in der Innenstadt kann der vom Projekt eingeschlagene Weg und Ansatz am Mailänder Platz mit der erreichten Qualität weitergegangen werden. Eine bloße, wenn auch sehr enge Kooperation beider Einrichtungen allein kann dies nicht leisten. Gerade die strukturell-inhaltlich eng verkoppelte, in allen Schritten multiprofessionelle Arbeitsweise, welche die Grenzen zwischen den beiden Institutionen bewusst fließend gestaltet, erzeugt neuartige Herangehensweisen, Begleitungsmöglichkeiten und Perspektiven für die von Benachteiligung betroffenen oder bedrohten jungen Menschen vor Ort.

Wie vielerorts in der Bibliothekslandschaft vollzieht auch die Stadtbibliothek Stuttgart eine Transformation zu teilhabeorientierter BibliotheksarbeitTransformation von der bislang eher bestandszentrierten hin zu einer verstärkt publikums- und teilhabeorientierten Bibliotheksarbeit mit sehr spezifischer Bestands- und Vermittlungsarbeit. Zahlreiche erfolgreiche Facetten des Projekts sowie die gewonnenen Erkenntnisse helfen dabei, den erforderlichen Änderungsprozess voranzubringen. Eng damit verknüpft ist die fortwährende Beteiligung der Stadtbibliothek an der Schaffung von Partizipationsmöglichkeiten für junge Menschen an Kultur, Demokratie und Stadtentwicklung sowie das weitere Engagement für eine sozialinklusive Gesellschaft. Ein nächster großer Schritt in diese Richtung ist die Teilnahme an der mehrtägigen „Urban Future Conference“, einer europaweiten Veranstaltung zu den verschiedenen Themen nachhaltiger Stadtentwicklung, die im Juni 2023 in Stuttgart abgehalten wird.

Was darf in naher Zukunft von dem Projekt erwartet werden? Im nächsten Jahr soll mit der Erstellung eines Handbuchs von Stadtbibliothek und Mobiler Jugendarbeit unter Beteiligung der wissenschaftlichen Begleitung begonnen werden. Es befasst sich mit den praktischen und theoretischen Aspekten des gemeinsamen Projekts und den daraus ableitbaren Impulsen für die Bibliotheks-, die Sozial- und die Netzwerkarbeit. Gleichermaßen wird hier versucht, anhand der gemachten Erfahrungen Rahmenbedingungen für die multiprofessionelle Zusammenarbeit zu beschreiben und Rezepte für die ersten Schritte eigener Kooperationen zu vermitteln.

Für die Stuttgarter Stadtteilbibliotheken hat mit der aktuellen Projektphase dieser Transfer der Projekterfahrungen und -arbeitsmethoden bereits begonnen und er wird auch auf die Pop-up-Bibliotheken übertragen, die neuen, ortsfesten Zweigstellen den Boden bereiten. Die erste wird aktuell in Stuttgart-Hedelfingen aufgebaut. Natürlich kann an Standorten, die feste Stadtteilstrukturen aufweisen, die Kooperation zwischen Bibliothek und Mobiler Jugendarbeit nur schwer einen inhaltlichen und organisatorischen Detailgrad erreichen, der dem des Projekts „Mobile Jugendarbeit im Europaviertel“ entspricht. Jedoch kann bei der Planung neuer Quartiere schon in einem frühen Stadium auf die Erkenntnis zurückgegriffen werden, wie wichtig eine enge strukturelle Verzahnung von Kultur und Sozialemstrukturelle Verzahnung von Kultur und Sozialem für die Bürger:innen ist. Multiprofessionelle Verbindungen ermöglichen allen bessere Chancen, um als Person in vollem Umfang an der Stadtgesellschaft teilhaben und gleichberechtigt in ihr leben zu können. Dies ermutigt, den mit dem Projekt eingeschlagenen Weg stärker sozialinklusive Aspekte betonenweiterzugehen und auch in anderen Feldern der Bibliotheksarbeit künftig stärker sozialinklusive Aspekte zu betonen.

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