“Aber die anderen machen das doch auch…” - Ein klassischer moralpsychologischer Trick (Teil 8 von 8)

26.02.2020  — Tobias Weilandt.  Quelle: Verlag Dashöfer GmbH.

Haben Sie eine bestimmte Handlung, die diskutabel oder gar unmoralisch war, schon einmal damit begründet, dass “das ja die anderen auch so machten”? Wenn ja, haben Sie einen klassischen moralpsychologischen Trick verwendet.

Allzu häufig vergleichen wir uns mit anderen Menschen. Oft rechtfertigen wir bestimmte Handlungsweisen mit dem Verweis auf Verhaltensweisen von Mitmenschen. Problematisch wird es aber erst, wenn wir etwas “falsches” tun und es auf diese Art begründen. Im Arbeitsleben können solche Verfehlungen verschiedener Art sein: Wir drucken private Dokumente auf dem Unternehmensdrucker, wir verlängern eigenmächtig unsere MIttagspause um 30 Minuten oder “machen blau”, weil wir keine Lust haben, die wohlige Wärme unseres Bettes zu verlassen.

Wir tun es aber trotzdem, denn immerhin haben das “andere” vor uns auch schon getan. Und weder die Handlung selbst, noch die daraus folgenden Konsequenzen wurden bisher sanktioniert. Dann ist es doch eigentlich unfair, wenn gerade Sie erwischt werden und “die anderen” unbehelligt bleiben! Oder?

Ob wir uns gegen das System auflehnen oder einen Ausgleich für uns beanspruchen, getreu dem Motto “Wenn andere sich unerlaubterweise einen Vorteil verschaffen, will ich den auch!”, soll hier nicht beantwortet werden - das ist Aufgabe der Moralpsycholog*innen.

Die Begründung “Andere machen das auch!” ist in jedem Fall schwach. Gerade, weil Sie Ihr Verhalten nicht mit einer eigenen Absicht oder einem Ziel begründen, sondern allein auf das “Vorbild der Anderen” rekurrieren, geben Sie zwei Dinge zu. Erstens: Sie wußten von Anfang an, dass Ihre Handlung fragwürdig, schädlich oder gar strafwürdig sein wird. Zweitens: Sie gestehen ein, dass Sie in dieser Situation nicht über ein eigenes moralisches Urteilsvermögen verfügten. Damit räumen Sie Inkompetenz ein.

Eine relevante Begründung für Handlungen besteht gemäß klassischer Handlungstheorien aus einer Absicht und einem Wunsch. Die Absicht gibt Auskunft darüber, dass Sie einen Wunsch erfüllen wollten. Der Wunsch gibt wiederum Auskunft darüber, dass Sie ein bestimmtes Ziel oder einen Zustand der Welt erreichen wollten: “Ich wollte, dass es Kollege XY besser geht.” oder “Ich wollte, dass das Produkt möglichst schnell fertig wird.” Denken Sie einfach daran: Bloß, weil andere Mist bauen, müssen Sie es denen nicht unbedingt gleich tun.

Ein großer Unterschied besteht übrigens darin, wenn Sie fälschlicherweise annahmen, ein bestimmtes Tun sei korrekt, weil es alle so machen. Hier liegt keine Absicht vor, etwas Falsches zu tun, sondern lediglich ein Irrtum. Die (schlechte) Absicht macht den Irrtum erst zum Fehlverhalten.

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Bild: Mediamodifier (Pixabay, Pixabay License)

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