Flachdächer: Diskussionen ohne Ende (I)

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Der Streit um Flachdächer ist so alt wie das Flachdach selbst. Was die einen als schrecklich, viel zu modern und als Deckel einer Schuhschachtel empfinden, ist für andere der Ausdruck zeitgenössischer Architektur schlechthin, die Erfüllung eines Traums, die Abgrenzung von der Elterngeneration. Diese Auseinandersetzung endet nicht auf nachbarschaftlicher Ebene, sondern setzt sich zwischen Architekten und Bauherren auf der einen Seite sowie Gemeinderat und Baubürgermeister auf der anderen Seite fort.

von Simone Hübener


Technisch anspruchsvoll und ästhetisch umstritten: das Flachdach. / Foto: Unipor

Vorab: Wohngebäude mit Flachdächern müssen nicht per se schön und zur Umgebung passend sein und Satteldachhäuser nicht immer unansehnlich. Denn das Konzept des ganzen Gebäudes bestimmt die Dachform – egal ob Flachdach, Satteldach, Pultdach.... Und jede Dachform hat ihre Existenzberechtigung, abhängig vom Standort des Gebäudes, wie historische Altstadt, Großstadt, Dorf. Doch die Vorurteile gegen ein Flachdach, was genau genommen ja auch ein sehr flach geneigtes Dach ist, scheinen sich hartnäckig zu halten. Flachdächer seien nach kürzester Zeit undicht, ist häufig zu hören. Claus Staniek von es+ architekten+ingenieure aus Darmstadt versuchte bei einem Vortrag im Sommer vergangenen Jahres sogar noch, diese Meinung zu zementieren. Ein 45-Grad-Dach werde 45 Jahre halten, eines mit 15 Grad Neigung 15 Jahre und ein Dach mit 0 Grad... Ewig, kam ihm ein Zuhörer in seinen Ausführungen dazwischen. Denn die Abdichtungstechnik zu Beginn des 21. Jahrhunderts ist nicht gleichzusetzen mit den Materialien der 1950er und 60er Jahre. Tausende Quadratmeter minimal geneigter Dachflächen auf Industriegebäuden beweisen den Fortschritt, den die Hersteller verzeichnen konnten und können. Anfälliger für Schäden durch eindringendes Wasser sind Flachdächer allerdings auch heute noch und werden es aufgrund ihrer Bauart wohl auch immer bleiben.

Eine sinnvolle Alternative zu einem ungenutzten Flachdach mit Kiesschüttung findet sich in den extensiv oder intensiv begrünten Dächern. Diese sorgen zum einen dafür, dass der Hausherr im Winter seine Energiekosten senken kann, da weniger Wärme verloren geht als bei einem unbegrünten Dach. Im Sommer heizt sich der Dachraum entsprechend weniger auf. In dicht besiedelten Gebieten, in denen die Außenluft im Sommer rasch hohe Temperaturen aufweist, können Flachdächer in entsprechender Zahl durch ihre Verdunstung die Luft abkühlen. Und: Mit einem begrünten Flachdach scheinen in der heutigen Zeit auch Hardliner überzeugt werden zu können.

Die Autorin

Simone Hübener studierte Architektur in Karlsruhe und Rom. Sie arbeitet als freie Architekturjournalistin für renommierte Fachzeitschriften und das Online-Portal german-architects.com.

Seit 2007 ist sie freie Mitarbeiterin bei frei04 publizistik in Stuttgart und hat seit Januar 2010 gemeinsam mit Dr. Ursula Baus die Geschäftsführung des gemeinnützigen Vereins architekturbild e.v. inne.

www.simonehuebener.de
So geschehen bei einem Bauantrag im schwäbischen Echterdingen. Der Bebauungsplan ließ zwei Vollgeschosse plus Steildach zu. Gebaut werden sollte nun ein zweigeschossiger Kubus. Eine Nutzung der Dachfläche als Dachterrasse war nicht vorgesehen. Die Nachbarn freuten sich und bekundeten ihre Zustimmung, denn der Vorschlag des Architekten Bernd Schweizer von leib.schweizer architekten aus Stuttgart würde Haus und Garten weniger verschatten als die vorgeschriebene Variante. Auch der Baubürgermeister stärkte Bauherrschaft und Architekt den Rücken. Die Chefin des Stadtplanungsamtes und der Chef des Baurechtsamtes zeigten sich davon unbeeindruckt und lehnten den Entwurf ab. Eine erste Sitzung des technischen Ausschusses blieb erfolglos. Erstaunlicherweise sprach sich nicht die weithin als konservativ bezeichnete CDU gegen die "Schuhschachtel" aus, sondern alle anderen Fraktionen. Doch haben diese Gremien überhaupt das nötige Fachwissen, um eine Entscheidung zu fällen? Spielt bei solchen Diskussionen der Inhalt eine Rolle, oder geht es nur um parteipolitisches Geplänkel?

In diesem und vielen weiteren Fällen müssen alle Fragen mit einem klaren Nein beantwortet werden. Denn die Mitarbeiter der städtischen Ämter haben in Sachen Architektur vielfach nur eine Schmalspurausbildung genossen, die Mitglieder der verschiedenen Ausschüsse sind oft nicht in der Lage, gute Architektur zu erkennen. Das geplante Flachdach in Echterdingen wurde einfach als "blöd" abgetan. Die Wende brachte der Hinweis, es handle sich um ein begrüntes Flachdach, was ausgerechnet die Grünen bislang übersehen hatten. Ausgebaut zu einer intensiven Begrünung, stimmten CDU und Grüne, also die Mehrheit, dem Flachdach letztlich zu.

Fortsetzung in der nächsten Baudienst-Ausgabe »

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(Erschienen im eMagazin von german-architects.com am 2. Juni 2010)
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