Erst Kollege, heute Chef – Wie junge Führungskräfte den richtigen Ton treffen

— Online-Redaktion Verlag Dashöfer. Quelle: Henryk Lüderitz

23.12.2013

Ein Interview mit Henryk Lüderitz, selbständiger Trainer, über den Alltag von angehenden Führungskräften und High Potentials – und wie sie geschickt mit Stolpersteinen umgehen. Bis vor kurzem war Lüderitz selbst noch hoch gehandeltes Talent in verschiedenen Unternehmen, unter anderem bei Vodafone und Mannesmann.

Redaktion:
Für viele Führungskräfte ist es eine große Umstellung: früher Teil eines Teams, plötzlich selbst im Chefsessel. Was ist das Schwierigste an dieser neuen Situation?

Henryk Lüderitz. Mehr Infos unter luederitz.eu.

Henryk Lüderitz:
Ganz klar: mit ehemaligen Kollegen umgehen und dabei die richtige Balance zu finden aus Härte und Nachgeben, aus Durchsetzen und Flexibilität. Für junge Führungskräfte ist es wichtig, sich von Beginn an Respekt zu verschaffen und in der neuen Rolle zu überzeugen. Wer hier Anfangsfehler macht, verliert schnell an Autorität; besonders kritisch, da nicht alle Mitarbeiter positiv auf die Beförderung reagieren – von ehrlicher Freude über respektvolle Anerkennung bis hin zu Neid und Eifersucht ist alles möglich.

Redaktion:
Wie sollten junge Führungskräfte am besten reagieren, wenn sie die Missgunst der Kollegen zu spüren bekommen?

Henryk Lüderitz:
Das ist von Situation zu Situation sehr unterschiedlich. Oft legen sich die ersten Eifersüchteleien schnell wieder. Dann kommt es natürlich auch darauf an, wie sich die Kollegen verhalten: sind sie nur etwas zurückhaltender und vorsichtiger im Umgang mit dem neuen Chef, gehen sie offen mit Vorbehalten um oder beschweren sie sich gar hinter dem Rücken desjenigen beim Vorgesetzten. Bei letzterem ist es wenig sinnvoll, den Vorfall auf sich beruhen zu lassen, hier müssen Grenzen gesetzt werden.

Redaktion:
Wie könnte das in der Praxis aussehen?

Henryk Lüderitz:
Wichtig ist, nicht aggressiv vorzugehen und den besagten Kollegen vor den Augen aller zur Rede zu stellen, sondern sachlich das Gespräch unter vier Augen zu suchen. Ziel sollte es sein, den Grund für die Beschwerde zu erfahren und das Problem auszuräumen; aber auch den eigenen Standpunkt klar zu machen und zu verdeutlichen, dass ein solches Verhalten nicht geduldet wird – die junge Führungskraft ist schließlich erster Ansprechpartner und sollte bei Problemen, die das Team oder den Verantwortungsbereich betreffen, stets hinzugezogen werden. Außerdem immer den eigenen Vorgesetzten über den Vorfall informieren.

Redaktion:
Also lieber anfangs härter durchgreifen als empathisch reagieren?

Henryk Lüderitz:
Nein, nicht unbedingt! Wer zu häufig und unangemessen die Ellbogen einsetzt, wird von seinem Team als Führungskraft nicht anerkannt. Als oberste Faustregel gilt: niemand darf sein Gesicht verlieren, eine gute Zusammenarbeit ist ansonsten nur schwer möglich. Fühlt sich ein Mitarbeiter schlecht behandelt, wird er dementsprechend reagieren – und die Stimmung im Team leidet. In Konfliktsituationen oder Krisengesprächen hat es sich in der Praxis bewährt, ein persönliches Minimalziel festzulegen, bis zu welchem die Führungskraft autoritär durchgreift. Diese Grenze darf nicht überschritten werden. Deshalb am besten gleich zu Beginn des neuen Jobs eigene Werte, Ziele und Standpunkte an die Teammitglieder kommunizieren – und auch die Konsequenzen aufzeigen, die bei Überschreiten drohen.

Redaktion:
Standfestigkeit und Durchsetzungsvermögen sind in vielen Situationen sicherlich wichtig, um die eigenen Interessen und die des Unternehmens zu vertreten, aber wann sollten High Potentials und Führungskräfte lieber nachgeben bzw. ihren Mitarbeitern entgegenkommen?

Henryk Lüderitz:
Bei privaten Anliegen und Sorgen der Mitarbeiter können Führungskräfte unter Umständen ein Auge zudrücken. Ist das Kind krank, haben alleinerziehende Mitarbeiter oft keine andere Möglichkeit, als frei zu nehmen. Doch Vorsicht: Es darf nicht zur Gewohnheit oder Regel werden. Oder aber ein Mitarbeiter wird im Projekt besonders gefordert, ist überarbeitet und fährt nun grundlos seine Kollegen an – hier ist es angebracht, ihm eine Ruhepause zu verordnen und früher in den Feierabend zu schicken als mit Regeln und Konsequenzen zu drohen. In solchen Situationen sind Empathie und behutsames Vorgehen oft das geeignetere Mittel der Wahl.

Redaktion:
Woran erkennen junge Führungskräfte, wann Härte und wann Weichheit angemessen ist? Gibt es Indikatoren?

Henryk Lüderitz:
Gut ist es in neuen Teams immer die offiziellen und inoffiziellen Regeln zu beobachten. Wie reagieren die Kollegen bei bestimmten Situationen, wann sind sie eher vorsichtig, wann gehen sie in die Offensive. Zudem können angehende Führungskräfte bei Unsicherheiten den eigenen Vorgesetzten hinzuziehen und um Rat fragen. Lassen Mitarbeiter oder Kollegen allerdings den nötigen Respekt vermissen oder übergehen den Vorgesetzten bei Entscheidungen, müssen ganz klar Grenzen aufgezeigt werden.

Redaktion:
Wie sollten junge Führungskräfte in solchen Fällen vorgehen?

Henryk Lüderitz:
Am besten das Gespräch suchen, dabei die eigene Meinung höflich aber bestimmt äußern und bei erneuter Verfehlung die angedrohten Konsequenzen ziehen – wichtig ist, sich zu positionieren und gegebenenfalls auch den eigenen Vorgesetzten zu informieren. Genauso ist es selbstverständlich offizielle Regeln des Unternehmens, wie z.B. Bestellprozesse oder Projektabläufe einzuhalten und auch mit Nachdruck einzufordern. Ist ein Mitarbeiter hingegen aufgrund von privaten Problemen schlechter gelaunt oder aber durch das Arbeitspensum gestresst und reagiert über – dann sollten Führungskräfte ruhig Verständnis zeigen.

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