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Distribution oder Distinktion? Ein Kommentar zu digitaler Subkultur

25.10.2021  — Matthias Wermke.  Quelle: Verlag Dashöfer GmbH.

Punk, Metalhead, Skater, Hiphopper: Bis vor wenigen Jahren schienen diese noch relevante Kategorien unter Jugendlichen und jungen Erwachsenen zu sein. Doch gibt es sowas noch? Hat der Autor einfach den Bezug zu der Welt junger Menschen verloren oder ist tatsächlich etwas dran und Subkulturen verlieren durch Social Media an Bedeutung?

Es ist das Streben nach Abgrenzung auf der einen und die Suche nach Zugehörigkeit auf der anderen Seite, die jede Subkultur im Kern eint. Natürlich findet dieses Zusammenspiel aus zunächst widersprüchlich erscheinenden Bedürfnissen besonders im Jugendalter statt. Doch hat man erst einmal eine Szene für sich entdeckt, ist die Chance, dass man ihr ein Leben lang treu bleibt, nicht gering.

Allerdings ist hierbei vermutlich die Frage, wie gehaltvoll tatsächlich die jeweilige Subkultur ist. Denken wir z. B. an den Punk in seiner ursprünglichen Form, bestand dieser aus mehr als aus stumpfer Gitarren-Musik, die jeden Song, der mehr als drei Akkorde hat, verurteilt. Es war, wie auch bei vielen anderen Subkulturen, die totale Ablehnung des vielzitierten Establishments, der Elterngeneration, der Religion, des politischen und wirtschaftlichen Systems – eigentlich der gesamten Gesellschaft.

Um dieser Ablehnung auch ästhetisch Ausdruck zu verleihen, versuchte man mit wahnwitzigen Frisuren, abgehalfterten Klamotten und für damalige Verhältnisse provokantem Alltagsgebaren den größtmöglichen Kontrast zu schaffen. Man schuf eigene Strukturen, was Wohnen, Leben und Kultur anbelangte und suchte damit absolute Unabhängigkeit. Und so verfolgte man trotz anfänglich bewusst unpolitischer Haltung doch einen großen Idealismus, der der Szene auch nach Jahren der Veränderung immer noch zu eigen ist.

Das System ist das Problem

Um diese Betrachtung einmal mit einer Zahl einzuleiten, war die Videoportal-App TikTok im Juni 2020 bereits über zwei Milliarden Mal heruntergeladen worden. Mehr Reichweite geht nicht. Ideal als Plattform für neue Bands und Trends – könnte man meinen.

Doch was man nicht vergessen darf, ist, dass – kultureller Austausch hin oder her – das übergeordnete Ziel aller sozialen Netzwerke bleibt, Geld zu verdienen. Und natürlich hat das auch einen entscheidenden Einfluss auf die ästhetische Gestaltung.

Zunächst einmal stellen die verschiedenen Plattformen die Musik vor systemimmanente Herausforderungen. Als Beispiel ist hier Spotify zu nennen. Hier wird ein vollwertiger Klick als solcher gemessen, wenn das Lied 30 Sekunden lang angehört wird. Dann bringt der Klick Geld. Logischerweise ist bei der Musik des sogenannten Mainstreams zu verzeichnen, dass die Songs damit immer kürzer werden, damit mehr gehört und somit mehr Klicks generiert werden können.

Darüber hinaus gibt es einen starken Trend dahingehend, dass es, ähnlich wie in sozialen Medien, wo es jeden Tag neuen Content geben muss, damit man nicht in Vergessenheit gerät, immer weniger auf Alben, sondern eher auf einen kontinuierlichen Output von Singles gesetzt wird.

TikTok ist noch stärker als eine Art „To Go-Medium“ einzuordnen, quasi der kleine Unterhaltungssnack für zwischendrin. In der komprimierten Zeit, die die User*innen den einzelnen Inhalten damit zur Verfügung stellen, ist also die Herausforderung für diejenigen, die den Content schaffen, das, was sie zu zeigen haben, in möglichst verdichteter Form darzustellen. Man kommt entsprechend schneller zum Punkt, was manchen Genres wie der Comedy sicher nicht schadet, für die Musik aber kaum von Vorteil sein kann.

„Geh mit der Zeit, Boomer!“ mag der 16-Jährige mit dem Anglerhut der eher kritischen Stimme nun vorwerfen. Und natürlich handelt es sich hierbei auch um eine Diskussion, in der sich der eine Part die schon immer besser gewesene Vergangenheit zumindest ein bisschen zurücksehnt.

Doch man darf den Fakt nicht vernachlässigen, dass die Menschen auf den genannten Plattformen in erster Linie Konsument*innen und User*innen sind, die mit Clicks und Likes bereitwillig ihre Daten herschenken, um ein auf sie zugeschneidertes, ihren virtuellen Bedürfnissen entsprechendes Produkt angeboten zu bekommen. Wünsche geweckt, Bedarf gedeckt sagt das Marketing; Kreativität im Keim erstickt, sagt die kritische Stimme.

Man muss nicht Adorno und Horkheimer gelesen haben, um zu dem Schluss zu kommen, dass Kunst hier zur Ware nach DIN-Norm zu werden droht. Wie soll etwas Neues entstehen, wenn man sich so in die Zwänge des Konsums begibt und wenn aus Distinktion Adaption wird?

Auf zu neuen Ufern

Die Lösung könnte ein Medienwechsel sein. Damit ist nicht zwingend eine komplette Rückkehr ins analoge Leben gemeint, sondern vielmehr eine Nutzung alternativer Plattformen, die nicht auf Gewinnmaximierung abzielen, sondern tatsächlich den kulturellen Austausch fördern und so Neues entstehen lassen.

Übrigens: Schon auf einer babylonischen Tontafel, die irgendwann 1000 Jahre v. Chr. entstanden sein muss, stand sinngemäß: „Die heutige Jugend ist von Grund auf verdorben, sie ist böse, gottlos und faul. Sie wird niemals so sein wie die Jugend vorher, und es wird ihr niemals gelingen, unsere Kultur zu erhalten.“ Und man mag es kaum glauben, aber damals waren Max und Theo noch gar nicht geboren. Es gibt also noch Hoffnung.

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Bild: FirmBee (Pixabay, Pixabay License)

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