Wirbel um Bozena Domanska

09.09.2013  — Iris Bülow.  Quelle: Verlag Dashöfer GmbH.

Es mutet zunächst wie die typische Geschichte einer jungen Frau aus Osteuropa an, die zum Arbeiten nach Westeuropa kommt. Im Fall von Bozena Domanska hat sie eine ungewöhnliche Wendung genommen.

20 Jahre lang hat Bozena Domanska in der Schweiz als unausgebildete Betreuerin gearbeitet. Wie so viele die polnische Arbeitsmigrantinnen hat sie unter teils unwürdigen Arbeitsbedingungen im Auftrag verschiedener Pflegedienste gearbeitet. Solche Unternehmen, die sich mit der häuslichen Betreuung pflegebedürftiger Menschen befassen, werden in der Schweiz „Spitex“ genannt.

Als ihr Arbeitgeber, eine Baseler Spitexfirma, ihr vor zwei Jahren einen neuen Auftrag übergab, war das Maß voll: Statt einer Person sollte Frau Domanska nunmehr zwei pflegebedürftige Eheleute rund um die Uhr betreuen. Und das zum selben Preis wie vorher: 3300 Schweizer Franken (=2673 €) brutto. Bozena Domanska verklagte den Arbeitgeber und erhielt Recht: 7000 Franken Entschädigung wurden ihr zugesprochen.

Doch das reichte ihr nicht: Bozena Domanska kämpfte fortan für die Rechte der Care-Migrantinnen. Wie Domanska stammen sie vor allen Dingen aus Osteuropa und verrichten in der Schweiz und anderen westeuropäischen Ländern oftmals stark unterbezahlt harte körperliche und seelisch aufreibende Betreuungsarbeit.

Im Juni 2013 gründete Domanska mit der Gewerkschaft VPOD das Netzwerk ¬„Respekt“. Damit möchte sie den Frauen, die in der Schweiz als unqualifizierte Pflegerinnen arbeiten, Mut ¬machen und Ratschläge geben, sich für die eigenen Rechte einzusetzen. Unter anderem fordert das Netzwerk gerechten Lohn für schwere Arbeit: 5000 Schweizer Franken (=4050€) im Monat werden im intensiven Pflegebereich für angemessen gehalten.

Für ihr Engagement ist die aufmüpfige Care-Migrantin jüngst als Anwärterin für den Prix Courage nominiert worden, den die Zeitschrift „Der Schweizerische Beobachter“ jährlich auslobt. Der diesjährige Preisträger steht aktuell noch nicht fest.

Engagement mit Konsequenzen

Der Wirbel um ihre Person hatte für Bozena Domanska jedoch vermutlich eine fatale berufliche Konsequenz: Im August hat sie die Kündigung von ihrem derzeitigen Arbeitgeber erhalten. Die Firma beteuert, dass die Entlassung lediglich mit ihren unzureichenden Arbeitsleistungen von Frau Domanska zusammenhänge. Kunden hätten sich beschwert. Ihr gewerkschaftliches Engagement habe bei der Entscheidung keine Rolle gespielt.

An dieser Darstellung zweifeln indes Domanskas Unterstützer und haben gegen die nach ihrer Ansicht missbräuchliche Kündigung vor dem Firmensitz der Spitex-Firma protestiert.

Der Fall hat in der Schweiz mittlerweile hohe Wellen geschlagen. Und er ist noch lange nicht ausgestanden. Nicht allein wegen der rechtlichen Unklarheiten, die die Kündigung birgt:

Bozena Domanska hat ein Fass aufgemacht. Ähnliche Missstände wie in der Schweiz herrschen in vielen westeuropäischen Ländern. Eine große Zahl an unterbezahlten Frauen mit Migrationshintergrund ist betroffen. Auch hierzulande könnte die tatkräftige Domanska demnächst Nachahmerinnen finden: Missstände im Betreuungsbereich mit quasi ausbeuterischen Verhältnissen sind hier wie in der Schweiz an der Tagesordnung.


Zu diesem Artikel erreichte uns folgender Leserkommentar:

"Wenn unsere Gesellschaft nicht bald die Familienarbeit (Kindererziehung etc.) und vor allem im Hinblick auf den demografischen Wandel die Pflegearbeit höher in ihrem Wert einschätzt, dann geht es noch weiter mit dieser Gesellschaft bergab. Beispiele wie diese werden an der Tagesordnung sein, weil jeder nur auf seinen Profit aus ist..."


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