Studierende brauchen besseren Schutz vor sexueller Belästigung

17.08.2015  — Online-Redaktion Verlag Dashöfer.  Quelle: Antidiskriminierungsstelle des Bundes.

Studierende sind nur unzureichend vor sexueller Belästigung geschützt. Zu diesem Ergebnis kommt eine Rechtsexpertise im Auftrag der Antidiskriminierungsstelle des Bundes. „Anders als für Beschäftigte gibt es für Studierende keine eindeutigen und transparenten Regelungen“, sagte die Leiterin der Antidiskriminierungsstelle, Christine Lüders. „Die sind aber dringend nötig.“

„An den Universitäten müssen dieselben Regeln gelten wie in der Arbeitswelt“, sagte Lüders. „Wer sexuelle Belästigung erlebt, muss eine schnelle und umfassende Unterstützung erhalten – egal wo und wem sie passiert. Sonst entsteht bei den Betroffenen der Eindruck, dass ihre Erfahrungen nicht ernst genommen werden. Das darf nicht sein.“

Einer EU-weiten Studie zufolge ist bereits mehr als jede zweite Studentin in Deutschland (54,7 Prozent) während der Zeit des Studiums sexuell belästigt worden. Ein Drittel der Übergriffe kam aus dem Umfeld der Hochschule.

Im Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz (AGG) ist der Schutz vor sexueller Belästigung ausdrücklich geregelt. Nach §3 Absatz 4 AGG stellt sexuelle Belästigung eine verbotene Diskriminierung dar. Diese Definition gilt allerdings nur im Bereich des Arbeitslebens, also in diesem Fall für Beschäftigte der Hochschulen bzw. auf den Zugang zum Beruf, nicht für die Studierenden.

„Das ist eine Schutzlücke, die geschlossen werden muss“, kritisierte Lüders. Sexuelle Belästigung sei nicht nur eine enorme psychische Belastung: „Sie kann auch Auswirkungen auf die gesamte weitere akademische Karriere haben, insbesondere wenn Betroffene nicht ausreichend Schutz erfahren.“ Dies könne vom Ausweichen auf andere Fächer oder Seminare, um Tätern nicht zu begegnen, dem Verzicht auf ein soziales Universitätsleben bis hin zum Studienabbruch reichen.

Lüders forderte die Hochschulen auf, niedrigschwellige und transparente Beschwerdeverfahren festzulegen, für deren Umsetzung qualifizierte Mitarbeitende, wie z.B. Gleichstellungsbeauftragte, zuständig sein sollten. „Erhebungen zeigen, dass viele Studierende überhaupt nicht wissen, auf wen sie im Fall einer sexuellen Belästigung zugehen können“, bemängelte sie. „Hier ist an vielen Hochschulen eindeutig eine bessere Kommunikation gefragt.“

Die Autorinnen der Expertise stellen unter anderem fest, dass es bisher kaum Hochschulen gibt, die eigene Richtlinien zum Verbot sexueller Belästigung zwischen Studierenden erlassen haben. „Diese sind aber notwendig, um klarzustellen: Sexuelle Belästigung wird weder geduldet noch bagatellisiert“, sagte Lüders. Die Richtlinien müssten auch klare Sanktionen auflisten, je nachdem, ob Täter Beschäftigte, Studierende oder Dritte seien.

Sie schloss sich der Empfehlung der Expertise an, in den Hochschulgesetzen der Länder ein ausdrückliches Verbot sexueller Belästigung zu verankern. Die Landesgesetzgeber könnten darüber hinaus die Hochschulen zur Ausarbeitung oder zum Erlass klarer Richtlinien gegen sexuelle Belästigung ausdrücklich verpflichten.

Die Expertise „Sexuelle Belästigung im Hochschulkontext – Schutzlücken und Empfehlungen” wurde von Prof. Dr. Eva Kocher und Stefanie Porsche (Europa-Universität Viadrina, Frankfurt/Oder) erstellt. Sie können Sie hier herunterladen.




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