Geplante Frauenquote fordert Hauptstadt-Unternehmen heraus

27.12.2013  — Online-Redaktion Verlag Dashöfer.  Quelle: PricewaterhouseCoopers AG.

Aufsichtsräte der privatwirtschaftlichen Unternehmen in Berlin noch weit von 30-Prozent-Marke entfernt. Unternehmen der öffentlichen Hand liegen deutlich vorn.

Die in den Koalitionsverhandlungen zwischen Union und SPD vereinbarte Frauenquote im Aufsichtsrat würde viele der größten Berliner Unternehmen vor beträchtliche Herausforderungen stellen. Im September 2013 waren in den nach Mitarbeiterzahl 40 größten Berliner Betrieben rund 22,4 Prozent der Aufsichtsratsposten mit Frauen besetzt, wie aus einer Analyse der Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft PwC hervor geht. Ohne Berücksichtigung der Unternehmen der öffentlichen Hand mit einem Frauenanteil von 29,5 Prozent lag der Wert allerdings nur noch bei 15,2 Prozent. Die große Koalition will dagegen börsennotierten und "voll mitbestimmungspflichtigen" Unternehmen für Aufsichtsratswahlen ab 2016 eine Quote von 30 Prozent vorschreiben.

„Über die Hälfte der von uns untersuchten Berliner Unternehmen wäre wohl von der Quotenregelung betroffen, weil sie über 2.000 Mitarbeiter haben oder börsennotiert sind. Viele Unternehmen der Privatwirtschaft haben mit einem durchschnittlichen Wert von 15,2 Prozent noch einen weiten Weg vor sich. Dagegen trifft der Vorwurf an die Politik, die Forderungen gegenüber der Privatwirtschaft in den Unternehmen der öffentlichen Hand selbst nicht zu erfüllen, jedenfalls in Berlin nachweislich nicht zu“, kommentiert Thomas Kieper, Leiter des Berliner Standorts von PwC.

Berlin holt auf

Allerdings herrscht auch beim Frauenanteil in den Aufsichtsräten der privaten Berliner Unternehmen Bewegung, denn der Wert ist in den vergangenen zwei Jahren um beachtliche vier Prozentpunkte gestiegen. 2011 betrug er nur rund 11 Prozent. Damit liegen die betrachteten Unternehmen gegenüber denjenigen, die einem der großen Börsenindizes (DAX, MDAX, SDAX, TecDAX) angehören, nur noch leicht zurück. Aktuell sind dort laut "Women on Board Index" knapp 17,4 Prozent der Aufsichtsratsposten mit Frauen besetzt.

„Gender-Gerechtigkeit war bislang vor allem für große börsennotierte Unternehmen ein Thema. Insbesondere die 30 DAX-Konzerne bemühen sich seit geraumer Zeit um eine stärkere Vertretung von Frauen in den Aufsichtsräten – diese haben sich einer PwC-Untersuchung vom Sommer 2013 zufolge einen durchschnittlichen Frauenanteil von gut 23 Prozent zum Ziel gesetzt, liegen aber auch damit noch unter der jetzt beschlossenen Quotenregelung“, betont Dr. Henning Hönsch, Corporate-Governance-Experte von PwC.

Auf Ebene von Vorstand bzw. Geschäftsführung sind Frauen sowohl bundesweit als auch in Berlin wesentlich schwächer vertreten als in den Aufsichtsräten. Die Berliner Unternehmen liegen dabei sogar noch über dem Schnitt der DAX-160-Gesellschaften. Beträgt der Frauenanteil im Top-Management dort laut "Women on Board Index" lediglich rund 6,1 Prozent, können die größten privaten Berliner Unternehmen zumindest 8,2 Prozent vorweisen. Berücksichtigt man auch die Berliner Unternehmen der öffentlichen Hand, klettert der Anteil sogar auf 11,8 Prozent. Für die Beteiligung von Frauen in der Geschäftsführung will die künftige Koalition keine gesetzlichen Vorgaben machen. Ab 2015 sollen Unternehmen jedoch dazu verpflichtet werden, eigene verbindliche Ziele zur Steigerung des Frauenanteils im Top-Management festzulegen.

[Frauenanteil in Geschäftsführungen und Aufsichtsräten im Vergleich zum DAX-160]

Untersuchte Unternehmen

Unternehmen der Privatwirtschaft Unternehmen der öffentlichen Hand
50Hertz Transmission GmbH Berliner Stadtreinigungsbetriebe BSR
airberlin group Berliner Verkehrsbetriebe (BVG)
Alba SE Berliner Werkstätten für Menschen mit Behinderung GmbH
Axel Springer AG Berlinwasser Holding AG (Konzern inkl. Berliner Wasserbetriebe Anstalt des öffentlichen Rechts)
BERLIN-CHEMIE AG Bundesdruckerei GmbH
Berliner Volksbank eG Charité-Universitätsmedizin Berlin
Bombardier transportation GmbH degewo
Dussmann Stiftung & Co. KGaA Deutsche Bahn AG
ECOVIS Europe Aktiengesellschaft Deutsche Kreditbank AG
GASAG Berliner Gaswerke AG Flughafen Berlin Brandenburg GmbH
Gazprom Germania GmbH Helmholtz Zentrum Berlin für Materialien und Energie GmbH
GSW Immobilien AG Investitionsbank Berlin Anstalt des öffentlichen Rechts
HELIOS Kliniken GmbH Landesbank Berlin Holding AG
HT Troplast GmbH Messe Berlin GmbH
IAV GmbH Vivantes Netzwerk für Gesundheit GmbH
MATERNUS Kliniken AG  
MSA AUER GmbH  
PIN Mail AG  
PSI AG  
RENAFAN GmbH  
Schindler Deutschland GmbH  
Vattenfall GmbH  
Victor’s Bau + Wert AG  
Vitanas GmbH & Co. KGaA  
Wall AG  

Untersucht wurden die 40 größten Unternehmen (gemessen an der Mitarbeiterzahl), die ihren deutschen Konzernsitz in Berlin haben. Grundlage hierfür war eine Liste der 100 größten Unternehmen der Industrie- und Handelskammer in Berlin. Mit * markierte Unternehmen wurden ausschließlich in die Erhebung zur Geschäftsführung einbezogen, da keine Daten zur Aufsichtsratsbesetzung vorlagen.


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