„Für ihr konservatives Anlageverhalten zahlen die Deutschen den Preis einer geringen Verzinsung“

dasFiBuWissen-News [ Stand: 25.10.2016 ]
Autor: Online-Redaktion Verlag Dashöfer
Quelle: German Graduate School of Management and Law
In Zeiten niedriger Zinsen treibt viele Verbraucher die Frage nach einer sinnvollen Anlagestrategie um. Doch wie findet man für sich ein geeignetes Portfolio und welche Anlagephilosophie ist die richtige?

Sebastian Müller, Professor für Unternehmensfinanzierung an der German Graduate School of Management and Law (GGS), beschäftigt sich in seiner Forschung mit diesen Fragen und kennt die Antworten darauf.

Mit risikoarmen Kapitalanlagen ist heutzutage nichts mehr zu holen. Wie bewerten Sie die aktuelle Niedrigzinsphase?

Nicht die Nominal-, sondern die Realverzinsung nach Steuern ist das entscheidende Kriterium, wenn es um die Betrachtung der Verzinsung von Geldanlagen geht. So lag beispielsweise der durchschnittliche Zinssatz für Spareinlagen im Jahre 1980 bei 4,6%. Gleichzeitig betrug jedoch die Inflationsrate 5,4%. Im Gegensatz dazu betrug der durch-schnittliche Zinssatz für Spareinlagen 2015 zwar nur 0,5%, allerdings lag die Inflationsrate im selben Jahr auch bei lediglich 0,3%. Die heutige Realverzinsung erweist sich somit nicht als ungewöhnlich niedrig, sondern fällt sogar höher aus als im Jahre 1980. Wenn man dann noch berücksichtigt, dass Steuern auf die nominalen und nicht auf die realen Zinsen zu zahlen sind, ist die Verzinsung risikoarmer Kapitalanlagen heutzutage eher besser als in der Vergangenheit.

Deutschland hat die zweithöchste Sparquote in Europa, liegt jedoch beim mittleren Haushaltsvermögen noch hinter Ländern wie Griechenland, Portugal und der Slowakei im unteren Mittelfeld. Wie passt das zusammen?

Zunächst einmal darf nicht vernachlässigt werden, dass die pro Haushalt lebende Anzahl an Personen in Deutschland beispielsweise geringer ist als in Griechenland. Dies verringert die Aussagekraft eines direkten Vergleichs der mittleren Haushaltsvermögen. Trotzdem scheinen die Deutschen im Vergleich zu anderen Europäern nicht besonders vermögend zu sein. Hier muss neben dem Umfang der Sparquote auch auf die Verteilung der Sparanlagen eingegangen werden. Diese „Asset Allocation“ fällt in Ländern wie Griechenland, Portugal und der Slowakei anders aus als in Deutschland. Die Deutschen sind für ihr konservatives Anlageverhalten bekannt und investieren nur einen geringen Anteil in Aktien. In sehr wenigen Ländern fällt der Anteil an Aktien so gering aus wie in Deutschland. Für dieses konservative Anlageverhalten zahlen die Deutschen den Preis einer geringeren Verzinsung. Beispielsweise liegt derzeit die Risikoprämie von Aktien laut dem aktuellen Forschungsstand der Deutschen Bundesbank bei ca. 9%. Würden die Deutschen einen höheren Anteil in Aktien investieren, so läge somit die erwartete Rendite auch höher.

Worauf sollte man bei der Auswahl des richtigen Anlageportfolios achten?

Wichtigstes Kriterium ist, dass das Portfolio die eigene Risikoeinstellung widerspiegelt. Darüber hinaus sollte es breit diversifiziert werden und mehrere Anlageklassen abdecken, hohe Kosten sollten - soweit möglich - vermieden werden. Den meisten Anlegern fällt es jedoch schwer, Risiken an den Finanzmärkten einzuschätzen. Vor diesem Hintergrund kann es hilfreich sein, im Vorfeld die mögliche Verteilung von Erträgen zu simulieren. Ein Risikotool, welches von der Behavioral Finance Group explizit hierfür entwickelt wurde, ist im Internet unter folgendem Link abrufbar: http://simulator.behavioral-finance.de/

Der Finanzmarkt liebt Erfolgsgeschichten. Aber können aktive Fondsmanager tatsächlich den Markt schlagen?

Aktive Fondsmanager erzielen für gewöhnlich bessere Resultate als der durchschnittliche Anleger - aber nicht nach Kosten. Den meisten aktiv gemanagten Fonds gelingt es zudem nicht ihren Vergleichsindex dauerhaft zu schlagen. Deswegen kann ich nur empfehlen, in Indexfonds zu investieren. Optimalerweise decken diese Indexfonds bereits mehrere Anlageklassen ab, dann handelt es sich um sogenannte Multiasset-Indexfonds.

Inwiefern können Erkenntnisse aus der Wissenschaft den Anlegern einen Mehrwert bieten? Lassen sich daraus zuverlässige Tipps ableiten?

Ja und nein zugleich. Die Forschung kann dem Anleger leider nicht den schnellen Weg zu Reichtum an der Börse aufzeigen. Allerdings hat sie eine Reihe typischer Fehler identifiziert, die viele Privatanleger an der Börse machen. Hierzu zählen insbesondere der Irrglauben, den Markt schlagen zu können, die mangelnde Streuung des Vermögens, zu hohe Kosten und die Tendenz bei Kauf- und Verkaufsentscheidungen von Wertpapieren auf die Kursentwicklung in der Vergangenheit zu schauen. Diese Fehler gilt es zu vermeiden.

Welchen Einfluss hat die Psychologie auf das Anlegerverhalten?

Die Psychologie hat zweifelsohne einen großen Einfluss auf das individuelle Anlegerverhalten. Diese Erkenntnis hat letztlich zu dem neuen Forschungszweig der verhaltensorientierten Finanzwirtschaft (Behavioral Finance) geführt. Robert Schiller, ein US-amerikanischer Ökonom und führender Vertreter dieser Schule, wurde für seine Forschung 2013 mit dem Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften ausgezeichnet. Der Großteil der Anleger ist – nach Shiller – oft überdurchschnittlich gierig und ängstlich zugleich, was sich auch auf deren Anlageverhalten auswirkt und schlussendlich zu unbefriedigten Ergebnissen führt. Nicht abschließend geklärt ist dagegen die Frage, wie stark psychologische Faktoren Aktienkurse beeinflussen.

Welche Anomalien gibt es auf Aktienmärkten und wie können sich die Marktakteure am besten darauf einstellen?

Im Rahmen unterschiedlicher empirischer Studien konnte eine Vielzahl an Anomalien auf Kapitalmärkten festgestellt werden. Beispielsweise wurde gezeigt, dass Aktien mit geringer Marktkapitalisierung häufig eine bessere Rendite erzielen als Aktien mit hoher Marktkapitalisierung und dass Aktien mit geringem Kurs-Buchwert-Verhältnis gegenüber Aktien mit hohem Kurs-Buchwert-Verhältnis deutlich besser abschneiden. Es ist jedoch unklar, ob diese Anomalien aufgrund von Marktineffizienzen, einem erhöhten Risiko oder aber statistischer Artefakte auftreten. Für Privatanleger bleibt der vernünftigste Ratschlag: Investiere breit gestreut in unterschiedliche Anlageklassen und vermeide zu hohe Kosten.

Der Immobilienmarkt boomt und die Zinsen sind niedrig. Viele sehen deshalb Eigentum als sichere Anlage. Droht die Blase zu platzen?

Immobilien werden als vergleichsweise sichere Anlageobjekte wahrgenommen und konkurrieren damit mit anderen risikoarmen Anlageformen, wie beispielsweise Staatsanleihen, deren Verzinsung ebenfalls stark gesunken ist. Es ist zutreffend, dass die erhöhte Nachfrage nach Immobilien zu einem Preisanstieg in entsprechenden Teilmärkten geführt hat. Dieser Anstieg ist vor dem Hintergrund des aktuellen Niedrigzinsumfeldes und der damit verbundenen günstigen Immobilienfinanzierung somit erst einmal nachvollziehbar. Steigt das Zinsniveau signifikant an, so ist in der Tat von einem Rückgang der Preise und einem Ende des Booms auszugehen. Die Entwicklung des Zinsniveaus kann jedoch nicht zuverlässig prognostiziert werden. Meines Erachtens können die Zinsen für risikoarme Kapitalanlagen noch sehr lange auf ihrem derzeitigen Niveau verharren.

Zur Person:

Sebastian Müller ist Professor für Unternehmensfinanzierung an der GGS. In seiner Forschung untersucht er das Investorenverhalten und beschäftigt sich intensiv mit der Kalkulation von Vermögenswerten. Weitere Themenfelder, mit denen er sich beschäftigt, sind die Strategien im Wertpapierhandel, der Einfluss von Medien auf das Anlegerverhalten sowie Renditeanomalien. Für den Artikel „Media Makes Momentum“ erhielt Müller 2015 gemeinsam mit zwei Kollegen den Nachwuchspreis des Verbandes der Hochschullehrer (VHB) und den Value Preis der Acatis Investment GmbH.