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Kreativ und offen mit der zweiten Lebenshälfte umgehen  
16.8.2010, Online-Redaktion Verlag Dashöfer, Quelle: Gleichstellung online
Eine Pfarrerin, die bloggt - und das auch noch für Menschen in der zweiten Lebenshälfte? Warum und wie diese ungewöhnliche, aber äußerst erfrischende Mischung funktioniert, erfuhren wir im ausführlichen Interview mit Bloggerin und Pfarrerin Annegret Zander.

Annegret Zander ist Pfarrerin und Leiterin des Evangelischen Bildungszentrums für die zweite Lebenshälfte (ebz) in Bad Orb. Seit Juni bloggt sie für das ebz unter dem Motto "Die zweite Lebenshälfte ist bunt und vielfältig". Hier nimmt sie die Bilder vom Älterwerden unter die Lupe, spricht Alltagsthemen und religiöse Fragen an und kommt subtilen Alters(selbst)diskriminierungen auf die Spur.

Seminare im ebz, wie auch ein Newsletter und der Blog sollen Lust machen, sich auf die neuen Freiheiten, aber auch die Herausforderungen der zweiten Lebenshälfte einzulassen. Die Spannbreite der Themen ist dementsprechend groß - vom Aufbruch bis hin zum Abschied.


Bildquelle: Evangelisches Bildungszentrum für die zweite Lebenshälfte (ebz)
Annegret Zander setzt sich als "Playing Artist" auch künstlerisch unter dem Motto "Practice aging as an art form" mit dem Älterwerden auseinander und hat eine Wanderausstellung kuratiert ("Altersbilder - Fotografien von Jörg Kassühlke"). Zurzeit arbeitet sie am neuen Jahresprogramm für 2011, das ab September auf der Webseite einzusehen ist.

Den ebz-Newsletter und den Blog für die zweite Lebenshälfte finden Sie auf der Seite www.ebz-bad-orb.de. Den Newsletter können Sie hier hier bestellen.


Redaktion: Frau Zander, wie ist das ebz entstanden und was genau passiert dort?
Annegret Zander: Das ebz gibt es seit 30 Jahren. Es war schon immer einerseits ein Haus für Freizeiten, Seminare und Tagungen für Gastgruppen, andererseits für hauseigene Angebote. Das jetzige Profil für unsere eigenen Veranstaltungen begannen wir vor 6 Jahren zu entwickeln. Wir reagierten damit auf die demografische Entwicklung, die uns als Gesellschaft und Kirche vor neue Aufgaben und vor allem neue Blickrichtungen stellt.

Die zweite Lebenshälfte beginnt übrigens, wenn man die statistische Lebensmitte nimmt, für Frauen mit 421/2, für Männer mit 38. Ich sage das immer mit einem Augenzwinkern. Die "gefühlte" zweite Lebenshälfte ist etwas später, das ist sehr individuell - genauso individuell wie wir unser Leben lang schon waren. Und das ändert sich auch mit dem älter und alt werden nicht.

Wir bieten nun Seminare zu Themen des Älterwerdens an, z.B. aktuell für Paare ab 50, für die sich die Beziehung durch Veränderungen im Alltag wandelt (die Kinder brauchen einen nicht mehr so sehr, die Eltern werden älter, der Ruhestand kommt in Sicht oder ist schon da, das eigene Älterwerden). Ein Bildungsurlaub zur Vorbereitung auf den Ruhestand ist genauso zu finden wie gesundheitsorientierte Angebote, z.B. Qi Gong, Feldenkrais, u.v.m.. Wir bauen auch einen Fortbildungszweig auf für Menschen, die mit älter werdenden Menschen beruflich oder ehrenamtlich zu tun haben. Aktuell finden sich hier z.B. Ausbildungen im Bereich Tanzen mit Älteren und Gedächtnistraining - beides mit Zertifikat.

Derzeit läuft auch erst- und einmalig in Deutschland eine Langzeitfortbildung "Clown/Clownin im Altenheim". Einmalig auch dadurch, dass wir religiöse und theologische Fragen und Hintergründe in den Kursen mit einbeziehen, wie überhaupt das Fragen und Austauschen über die eigene religiöse Biografie und gegenwärtige Lebensfragen eine wichtige Rolle spielen. Dabei ist mir der Austausch wichtig. Wir liefern keine fertigen Antworten. Das hat mit der Individualität zu tun, aber auch mit unserem Bildungsverständnis, das den Menschen in seiner je eigenen Entwicklung begleitet und unterstützt.

Wir haben unserem inneren Bild auch einen äußeren Rahmen geben können: in unserem Foyer befindet sich ein Café mit gemütlichen Sesseln an runden Tischen, lecker duftendem Cappuccino, Literatur zur zweiten Lebenshälfte, Kunstausstellungen und Anschluss an die Welt durch einen Hotspot. Hier findet viel Begegnung und Austausch statt.

Zusammen mit meinem Kollegen Hartmut Wolter, der für innovative Ansätze in der Arbeit mit Älteren in unserer Landeskirche von Kurhessen-Waldeck zuständig ist, arbeite ich an neuen Konzepten für die kirchliche Arbeit. Stichworte sind hier "Seniorenbegleitung", "Silberschmiede - Arbeit mit Gruppen", "Vier gewinnt": Zusammenwirken von Kommune, Kirche, Diakonie und Bürgerinnen und Bürgern in der Entwicklung von Konzepten für die älter werdenden Kommunen. Im nächsten Jahr werden wir auch das Thema "Älter werden in Betrieben" aufnehmen, sowohl für Arbeitnehmer/-innen als auch für Führungskräfte, da wir hier einen wachsenden Kommunikationsbedarf sehen. Dies ist auch in Sachen Gleichstellung (hier der Generationen) ein heißes Thema.

Redaktion: Wie kam die Idee zum Bloggen - eigentlich ja eine Domäne der "jungen" Generation? Wie ist die Resonanz auf Ihren Blog?
Annegret Zander: Mich beschäftigen die vielfältigen Themen des Älterwerdens. Ich bin darüber gerne im Austausch mit anderen. Bis ich allerdings mal wieder selbst ein Seminar leite, in dem wir Themen weiterentwickeln, biografischen Spuren folgen, neue Fragen aufwerfen... vergeht mir immer zu viel Zeit. Deshalb wähle ich jetzt diesen virtuellen Weg.

Außerdem liebe ich es, kleine Texte zu schreiben. Das habe ich übrigens in unseren Angeboten zum biografischen Schreiben entdeckt. Nun habe ich einen Newsletter begonnen, auf den ich viele begeisterte Rückmeldungen bekommen habe. Und seit einigen Wochen schreibe ich diesen Blog, auf den ich langsam auch Rückmeldungen bekomme.

Ich portraitiere Menschen, die mir Vorbilder im Älterwerden sind, stelle einzelne Werke aus unseren Ausstellungen vor, stelle Lebensfragen. Ich schreibe auch über unsere Arbeit, berichte aus Seminaren, stelle Material zur Verfügung, mit dem Interessierte und Leiter/-innen von Gruppen hoffentlich etwas anfangen können. Z.B. haben wir eine Freizeit zum Thema "Herz" veranstaltet. Das, was wir selbst erarbeitet haben, kann man nun nachlesen und direkt weiter verwenden. Mir macht es Spaß auf diese Weise wach und wachsam zu bleiben. Schauen Sie z.B. einmal nach, was das Wörtchen "noch" alles ausmachen kann.

Unterschätzen wir übrigens nicht die Aktivitäten von Älteren im Internet! Das wäre noch ein ganz eigenes Thema.

Redaktion: Das gesellschaftliche Bild von der zweiten Lebenshälfte ist ja eher: Es geht abwärts. Doch für Viele geht es gerade dann erst "richtig los": Reisen, Hobbies, Engagement. Warum gibt es diesen "Graben" zwischen dem Gesellschaftsbild und der Realität?
Annegret Zander: Ich habe ja diese Fotoausstellung "Altersbilder" mit dem Fotografen Jörg Kassühlke entwickelt. In diesem Zusammenhang ist mir deutlich geworden, dass wir gesellschaftlich und persönlich sehr mit negativen Bildern vom Alter konfrontiert sind.

Sie kennen sicher selbst die 80-Jährigen, die sagen "Ich bin doch nicht so alt, dass ich in diese Kaffeestunde gehe!" Alt wird oft verstanden als hilflos, abhängig, geistig und körperlich eingeschränkt. Durch die Medien wurde und wird das auch verstärkt mit diesen ganzen Negativfolien in schwarz/weiß vom gequälten, leidenden alten Menschen. Ich habe von Klaus Dörner gelernt, dass jeder Mensch, vom Kleinkind bis zur Greisin nicht nur hilfebedürftig, sondern auch helfensbedürftig ist. Unser Sinn und Selbstwert bezieht sich sehr daraus, dass wir uns mit dem, was wir können, träumen und denken einbringen können - bis zuletzt! Wenn ich also Menschen jeglichen Alters aus diesem Blickwinkel betrachte, zähle ich nicht zuerst die Falten, sondern spüre die Lebensenergie ab, die dieser Mensch in sich trägt. Und da kenne ich inzwischen einige, die mit über 90 meine Gedankenwelt schwer herausfordern und positiv erweitern.

Älter werden bedeutet beides: Aufbruch und Abschied. Ich stelle zunehmend fest, dass in dieser Lebensphase - wie in jeder anderen Lebensphase - Aufgaben auf uns zukommen, die wir vorher so nie zu bewältigen hatten. Die körperlichen Veränderungen, die Abschiede, die uns das Leben zumutet (Kinder werden erwachsen, nahe Menschen sterben, die lange Phase des Berufslebens geht zuende...), wie gehe ich sinnvoll mit der neu gewonnenen Zeit um - das alles sind spannende Aufgaben.

Mein Eindruck ist: wer sich mit Lust und Neugier diesen Aufgaben stellt, hat es leichter mit dem Älterwerden. Ich denke gerade besonders an einen Mann, der sich nach seinem Berufsleben als Lehrer nun eine neue Aufgabe geschaffen hat. Er besucht alte Menschen, macht Lese- und Schreibprojekte mit ihnen und lernt dabei selbst viel über das Altsein und Sterben, weil er das lernen will. Er ist völlig begeistert und entdeckt für sich ganz viel Neues.

Redaktion: Viele Ältere würden gerne am gesellschaftlichen Leben teilnehmen, können es sich aber schlichtweg nicht leisten. Ist beim ebz Altersarmut ein Thema und wenn ja, wie können Sie den Betroffenen helfen?
Annegret Zander: Altersarmut betrifft vor allem die Frauen. Wir haben speziell zu diesem Thema keine Angebote. Allerdings arbeiten die evangelische Kirche und die Diakonie politisch-inhaltlich an diesem Thema und durch direkte Hilfestellung und Begleitung. Ich glaube, dass hier Kirchen und Kommunen tätig werden müssen (immer unter dem Motto "hilfebedürftig und helfensbedürftig) und eine wichtige Entwicklungsaufgabe haben, die wir mit unseren Projekten, z.B. der Seniorenbegleitung und besonders "Vier gewinnt", voran bringen möchten.

Konkret bieten wir Freizeiten für Ältere an, z.B. über Silvester, bei denen wir in Härtefällen auch Ermäßigungen geben. Wir haben bisher immer Wege gefunden, um die Teilnahme an Seminaren und Fortbildungen möglich zu machen.

Redaktion: Das Thema "Lebenslust im Alter" wird mittlerweile immer präsenter in den Medien. Filme wie "Wolke 9" brechen Tabus, z.B. Sex im Alter. Macht sich diese wachsende Offenheit auch in Ihrer alltäglichen Arbeit bemerkbar?
Annegret Zander: Das kann ich so noch nicht sagen. Ich hatte eine außergewöhnlich starke Resonanz, als ich in meinem zweiten Newsletter meine Auseinandersetzung mit dem Buch "Nacktbadestrand" beschrieb. Die 79-jährige Elfriede Vavrik schildert hier ihre Liebesabenteuer. Sie bricht damit ein riesiges Tabu und nimmt kein Blatt vor den Mund. "Wolke 9" zeigt, dass Leidenschaft, Verliebtsein und der Wunsch nach Sexualität im Alter nicht aufhören. Ich fand es schade, dass der Film mit diesen starken Schuldgefühlen endet. Am anderen Ende der Gefühlsskala bei Filmen zu den Wechseljahren war da die ZDF-Serie "Klimawechsel" von Doris Dörrie. Hierüber habe ich mit vielen Frauen um die 50 gesprochen, die sich köstlich amüsierten und sich bei aller Überzeichnung in den Frauen durchaus wiederfanden.

Das Hanauer Seniorenbüro hat eine Fotowanderausstellung mit Interviews zum Thema "Alter und Liebe" entwickelt: so viele küssende, sich streichelnde ältere Paare habe ich noch nie gesehen. Ich glaube, dass Kunst und Medien uns helfen können, Worte zu finden. Denn das ist beim Thema Sexualität ja ein Leben lang die Kunst und Aufgabe: miteinander im Gespräch zu bleiben, die Veränderungen wahrzunehmen und damit umzugehen. Im nächsten Sommer werden wir übrigens einen Fortbildungstag zum Thema Alter und Liebe anbieten.

Für mich gehören auch Fragen und Formen der Spiritualität/ Religiosität, der Kreativität und der Begegnung zur Lebenslust. Darüber werde ich in meinem Blog immer wieder schreiben.

Redaktion: Was wünschen Sie sich für die Zukunft: Wie sollte in 10 Jahren der Alltag im Umgang von und mit Menschen in der zweiten Lebenshälfte aussehen?
Annegret Zander: Wenn wir uns bewusst machen, dass wir es selber sind, die wir in der zweiten Lebenshälfte sind oder sein werden und dass wir bald in der Mehrheit sein werden, dann fängt es mit dem Selbstbild an. Gebe ich meine Energie in den Kampf gegen das Älterwerden oder in die Gestaltung der Veränderungen?

Das zweite ist, dass wir andere Menschen auf der Basis von Respekt und Menschenwürde als gleichberechtigte Partner/-innen betrachten. Das wird eine Auswirkung haben darauf, wie wir mit den Hilfebedürftigen umgehen.

Das dritte Bild, das ich habe, ist eine vernetzte, nachbarschaftliche Gesellschaft. Nicht jede Kirchengemeinde, jeder Verein, jeder Bürgermeister werkelt für sich allein und kämpft darum, dass der demografische Wandel seinen Ort nicht unterkriegt, sondern wir gestalten unser alltägliches Leben mit Phantasie gemeinsam.

Wir danken Frau Zander für das aufschlussreiche und interessante Interview!

Quelle: Verlag Dashöfer GmbH