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Tunesierinnen in Zeiten des Umbruchs – und des Aufbruchs?  
13.8.2012, Anna Antonakis, Quelle: Verlag Dashöfer GmbH
Gut ein Jahr ist es her, dass die Selbstverbrennung des Gemüsehändlers mit akademischem Abschluss, Mohammed Bouazizi, in Tunesien zu landesweiten Protesten geführt hat. Lokale Demonstrationen, von Wut gegen die hohe Arbeitslosigkeit und Korruption getragen, haben sich in eine politische Revolution verwandelt, die schließlich den Diktator Zine el-Abidine Ben Ali, der das nordafrikanische Land seit 23 Jahren „mit eiserner Hand“ führte, stürzte. Seitdem sind gesellschaftliche und politische Umbrüche in der gesamten Region unaufhaltsam, was als „Arabischer Frühling“ auch in der deutschen Öffentlichkeit diskutiert und mitverfolgt wurde.

Diese Umstürze haben natürlich auch Auswirkungen auf die Geschlechterbeziehungen in den jeweiligen Ländern, in denen Familien- und Frauenrechte teilweise über das islamische Recht, die Sharia geregelt werden. Tunesien galt nicht nur in dieser Hinsicht seit seiner Unabhängigkeit als eines der fortschrittlichsten Länder des Mittleren Ostens und Nordafrikas (MENA).1

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Dies war insbesondere auf das in der Region liberalste Personenstandsgesetz im „Code du Statut Personnel“ (CSP) zurückzuführen, welches nach wie vor den wichtigsten Referenzrahmen der tunesischen Frauenbewegung darstellt. Auch nach der Revolution wird der CSP wieder stark diskutiert. Um die aktuellen Debatten in Tunesien um Gleichberechtigung zu verstehen, lohnt ein Blick in die Rechtsgeschichte und auf die Entwicklung des CSP, der den Tunesierinnen eine privilegierte Stellung im Vergleich mit ihren Nachbarinnen aus Algerien und Libyen verschaffte.

Der Code du Statut Personnel – Ein zeitloses Regelwerk?

Tunesien erreichte seine Unabhängigkeit im Jahre 1956: Dabei nahmen Frauen in diesen Kämpfen eine wichtige Rolle ein. Nach der Befreiung von der Kolonialmacht Frankreich und der offiziellen Unabhängigkeit des Landes stellte sich schnell die Frage, nach welchen Werten sich die junge Nation zukünftig ausrichten wird. Der neue Staatschef Habib Bourguiba war Modernist, unterzog das Land jedoch keiner radikal-säkularen Transformation, wie dies in der Türkei der Fall war. Die Macht hoher islamischer Vertreter, aber wohl auch die Auseinandersetzung mit der kolonialen Epoche, machten es ihm nicht einfach, Reformen, die die identitätsstiftende Kraft des Islam in Frage gestellt hätten, umzusetzen.

Als Regelwerk der Neustrukturierung des Staates entsteht der Code du Statut Personnel (Majallat El Ahoual Echakhsià). Er ist Ergebnis eines Aushandlungsprozesses zwischen islamischer Tradition und säkularer Moderne und stützt sich auf das Prinzip des ijtihad, damit ist die unabhängige Interpretation der islamischen Rechtsquellen, Koran und Sunna, gemeint. Als Vordenker des CSP kann der Schriftsteller und Reformer Tahar Haddad gesehen werden, dessen Werk bis heute als Grundlage vieler Diskussionen um die Fragen von Geschlechterbeziehungen in der Gesellschaft und die Rolle des Staates in Tunesien dient.2 Haddad behandelt dabei Thematiken wie die Unterdrückung der Frauen in ländlichen Gebieten, die mangelnde Schulbildung von Mädchen und Frauen und spricht sich gegen das Tragen des Kopftuchs aus. Seine Vorstellung einer fortschrittlichen Geschlechterordnung leitet er zum einen aus dem Koran, zum anderen aus sozialistischen Ideen ab.3

Die wichtigsten Neuerungen mit großer gesellschaftlicher Tragweite waren die Abschaffung der Polygamie sowie das Heraufsetzen des Mindestalters für die Heirat für Männer auf 20 und Frauen auf 17 Jahre.4 Mit der Einführung des Scheidungsrechts für die Frau und des vollen Vertragsrechts ermöglichte die Gesetzgebung den Tunesierinnen noch vor vielen Europäerinnen ein unabhängiges, selbstbestimmtes Leben zu führen. Seit Juni 1959 haben Frauen und Männer mit dem aktiven und passiven Wahlrecht auch den legislativ gesicherten Zugang zu gleichberechtigter, politischer Teilhabe.

Nach dem Staatsstreich von 1987 wird der CSP nach längerem Taktieren von Seiten Zine el-Abidine Ben Alis auch unter dem neuen Regime bestätigt und seine religiöse Vereinbarkeit mit der Sharia betont. Ben Ali kündigt eine Liberalisierungspolitik an, welche dazu führt, dass sich 1988 die erste autonome Frauenorganisation gründen kann. Die AFTURD (Association des femmes Universitaires pour la Recherche et le Developpement) hat das Ziel, die Situation der Frauen und ihre Zusammenhänge mit sozio-ökonomischen Entwicklungen wissenschaftlich und staatsunabhängig zu erforschen. Daneben gibt es die zweite wichtige Organisation ATFD (Association Tunisienne des Femmes Démocrates), die sich als säkular und feministisch begreift. Diese beiden Organisationen waren und sind weitgehend „unabhängig“ und werden hauptsächlich von Frauen, die sich als „Töchter des CSP“ begreifen, getragen.

Doch bleiben weitere diskriminierende Regelungen im Personenstandsgesetz bestehen. Die sensibelste Sphäre, das Erbrecht, wurde damals im CSP nicht angetastet und ist bis heute nicht reformiert worden. Zwar können Mädchen, wenn es keinen männlichen Nachfolger in der Familie gibt, erben, jedoch bleibt ansonsten das in der Sharia klar formulierte Recht, wonach Töchtern nur die Hälfte des Erbteils ihrer Brüder zusteht, bestehen. Diese klare Benachteiligung von Frauen ist nicht nur auf wirtschaftlicher Ebene, sondern auch auf symbolischer Ebene von starker Relevanz. Nach wie vor setzen sich Frauenrechtlerinnen daher für die Reform des CSP ein.

Frauenpolitik im Sinne des Staatsfeminismus

Unumstritten ist, dass das unter Bourguiba eingeführte Personenstandsgesetz dem kleinen nordafrikanischen Land eine Sonderstellung in der Region gab. Bezüglich seiner Umsetzung stellen Frauenrechtlerinnen das emanzipatorische Potential des CSP, insbesondere im Hinblick auf die in Verwaltung und Justiz herrschenden patriarchalen Mentalitäten immer wieder in Frage.

Aliya Cherif Chamary analysiert die weitreichenden Reformen im Hinblick auf ihre Anwendung und verweist auf den Status der Frauen als „femme-alibi“:5 Die stärkere Repräsentation von Frauen wird als Resultat von politischem (männlichem) Willen betrachtet. Ihre tatsächliche politische Gestaltungsmacht bleibt „symbolisch“, da Frauen ihren Aktionsraum mit dem Machtzentrum verhandeln müssen. 1989 stellten Frauen nur knapp fünf Prozent der Abgeordneten, 2008 steigt der Anteil der Parlamentarierinnen immerhin auf 20 Prozent, wobei es sich hier ohnehin hauptsächlich um ein „Schein-Parlament“ handelte. Fragen nach Gleichberechtigung und Frauenrechten wurden im Machtzentrum der Regierung von der UNFT („Union Nationale de la Femme Tunisienne“) verhandelt. Diese Organisation konnte nicht als unabhängig bezeichnet werden, sondern diente vielmehr dazu, frauenpolitische Projekte der Regierung zu unterstützen und agierte im Sinne des in Tunesien besonders ausgeprägten „Staatsfeminismus“.

Die Tunesierinnen fühlen sich zwar durch den CSP privilegiert und sind sich einer besonderen Stellung innerhalb der arabisch-muslimischen Staaten bewusst. Dennoch stimmen sie darin überein, dass noch immer Mentalitäten vorherrschend sind, die ihren Alltag negativ beeinflussen und ihrer freiheitlichen Entfaltung im Berufsleben, wie auch bei der Gestaltung der persönlichen Lebensbedingungen entgegenstehen.

Die von der tunesischen Soziologin Aziza Daghouth im Jahre 1992 durchgeführte Studie gibt Aufschluss darüber, wie der CSP die Realitäten der Frauen damals tatsächlich bestimmte: Ein Viertel der 1000 befragten Menschen waren mit dem bestehenden Regelwerk zufrieden.

Eine weitere wichtige Erkenntnis war dabei, dass 34 Prozent der TunesierInnen den „Code du Statut Personnel“ „nicht kennen“. Dabei sind es erwartungsgemäß besonders wirtschaftlich schwache Gruppen der Gesellschaft, sowie Analphabetinnen, die gar nicht oder nur unzureichend über ihre Rechte Bescheid wissen. Leider liegen keine aktuelleren Studienergebnisse vor, doch ist davon auszugehen, dass das soziale Gefälle, insbesondere zwischen der städtischen und ländlichen Bevölkerung, noch immer einen wichtigen Faktor bei der Möglichkeit, die bestehende Gesetzgebung voll auszuschöpfen, darstellt. Nach der Revolution haben sich für die Frauenorganisationen neue Spielräume eröffnet, die sie auch dazu nutzen wollen, Frauen außerhalb der Hauptstadt zu erreichen, um besser auf die verschiedenen Lebensbedingungen von Frauen ländlicher Regionen eingehen zu können. In dem stark repressiven Kontext des autoritären Regimes war es schwierig, Netzwerke dieser Art zu unterhalten und Aufklärungsarbeit zu leisten. Die Arbeit der ATFD, deren Anwältinnen zu einem Großteil rechtlichen Beistand für Frauen leisten, die unter diskriminierenden Rechtspraxen zu leiden hatten, wurde in dem repressiven Staatsapparat bereits als „zu politisch“ und damit gefährlich für das Regime eingestuft. Die Folge waren Überwachung der einzelnen Aktivistinnen und der Treffen, Drohungen und Manipulation von Veranstaltungen.

Der Aufstand des Volkes am 14. Januar 2011 und die ersten freien Wahlen

Der Volksaufstand in Tunesien war nicht nur auf Grund der vermeintlichen Stabilität des auch von westlichen Ländern unterstützten Regimes überraschend; Beobachter/-innen weltweit unterstrichen ebenso die besondere Rolle von Frauen in der Revolution. Die Bilder aus Tunis, in denen junge und alte Frauen, verschleiert oder unverschleiert neben ihren Freunden, Vätern, Brüdern demonstrierten, haben sich tief in das kollektive Gedächtnis eingebrannt. Auch die für diese Revolution wichtige Kommunikationsmacht der Neuen Medien wurde von Frauen mitgesteuert und genutzt. Die Bloggerin Lina Ben Mhenni, die als „Tunisian Girl“ wichtige Aufklärungs- und Mobilisierungsarbeit während der Proteste leistete, ist dabei nur eine zentrale Akteurin.6 Der virtuelle Aktivismus im Netz hat sicher dazu beigetragen, dass sich besonders die TunesierInnen der jungen Generation unabhängig von ihrem Geschlecht für das gemeinsame Ziel, den Diktator zu stürzen, mobilisierten und ihre Unzufriedenheit mit dem System auf die Straße trugen. In Tunesien sind 42 Prozent der Facebook-Nutzer, der wichtigsten virtuellen Plattform, welche die Proteste begleitete, Frauen.7 Dabei schien die Community geeint in ihrem Willen, das Volk aus der Diktatur zu befreien und das Recht auf freie Meinungsäußerung zu erkämpfen.

Erst nachdem das Volk gegen seinen Diktator aufgestanden war, stellten sich neue Fragen, die auch die Geschlechterordnungen angreifen würden. Lange unterdrückte Kräfte von Religion und Zivilgesellschaft fanden nun zum ersten Mal öffentlichen Raum. In Zeiten des Umbruchs, das wissen die Tunesierinnen aus ihrer Geschichte, werden Neuorientierungen des Staates und der Gesellschaft gerne an der Rolle der Frauen fest gemacht. Ihre staatlich zugesprochenen Rechte entscheiden über die Ausrichtung in der Innen- und Außenpolitik. Grund genug für ein Netzwerk von verschiedenen Frauen, Anwält/-innen, angeführt von der etablierten Frauenorganisation ATFD8,am 29.01.2011 konkret für Frauenrechte auf die Straße zu gehen. Zum einen sollte sich die neue Übergangsregierung zum bestehenden CSP bekennen und zum anderen sollte sie die Regelungen im Sinne eines gleichberechtigten Zugangs zu jeglichen Ressourcen reformieren.

Ein wichtiges Instrument für die Durchsetzung von Gleichberechtigung auf nationaler Ebene: die völkerrechtliche Konvention CEDAW

Auf internationaler Ebene galt es, die Vorbehalte des tunesischen Staates gegenüber der Konvention CEDAW (Convention on the Elimination of Discrimination against Women) aufzuheben: Hier hatte sich Tunesien 1985 unter anderem in Bezug auf die Übertragung der Staatsbürgerschaft Einschränkungen der Rechtsgewährung an Frauen vorbehalten.

Nun weisen Frauenrechtlerinnen wie Souhayr Belhassen von der seit der Revolution verstärkt aktiven internationalen Menschenrechtsliga FIDH nach Marokko, wo sich die autoritäre Regierung im Juni für eine Aufhebung einiger rechtlicher Vorbehalte aussprach. Beispielsweise haben Frauen, die Opfer von Gewaltverbrechen geworden sind, dort nun das Recht vor ein internationales Gericht zu ziehen.

Der Druck der gut organisierten und vernetzten Tunesierinnen zeigte Wirkung: Der Ministerrat der Übergangsregierung versprach bereits am 1. Februar 2011 die Vorbehalte zu prüfen und beschloss am 16. August, sämtliche Beschränkungen fallen zu lassen. Bestehen bleiben allerdings Vorbehalte bezüglich des Artikel 1 der tunesischen Verfassung, welcher den Staat als „islamisch“ definiert.9

Nach dem Anfangserfolg der Frauen: ein deutlicher Sieg für konservative Werte – nicht nur in Tunesien

Dies blieb nicht der einzige Erfolg der tunesischen Frauenbewegung: Ein politisches Netzwerk verschiedener Aktivistinnen konnte bereits im Vorfeld der ersten freien Wahlen im „Hohen Rat für die Verwirklichung der Ziele der Revolution und die Vorbereitung der Wahlen“ einen wichtigen Sieg erringen: Bei der Aufstellung der Kandidat/-innen wurden die Parteien dazu angehalten 50 Prozent der Plätze an Frauen zu vergeben. Leider hielten sich anschließend lediglich drei Parteien an diese Regelung. Damit erklärt sich auch, dass nur sechs Prozent der Listen von Frauen angeführt wurden. Der „Pole democratique Moderne“ (PDM) war die einzige Partei, die die Regelung der gleichgestellten Listen bis auf die Vergabe der ersten Listenplätze konsequent anwendete. Insgesamt wurden von den 217 Sitzen im Parlament 49 an Frauen vergeben, was 24 Prozent entspricht.

Die unter der Diktatur verbotene islamische Partei Ennahda holte 42 Prozent der Stimmen. Dies ist eine Partei, die vielen Feministinnen Sorgen bereitet: Insbesondere ihre Positionierung zum bestehenden fortschrittlichen Frauenrecht wird nun nach dem Wahlerfolg enorm wichtig für die konkrete rechtliche Situation von Frauen werden. Zwar hat Ennahda bereits in den 1980er Jahren den CSP offiziell anerkannt, und auch ihre Beteuerungen nach der Wahl, weder ein Alkoholverbot noch einen Kopftuchzwang einzuführen, lassen auf einen liberalen Kurs der Partei schließen. Damals wie heute stellt sich allerdings die Frage, inwieweit dies lediglich rhetorische Strategien sind. Immerhin stellt Ennahda nun den größten Anteil weiblicher Abgeordneter: 42 von insgesamt 49 Frauen sitzen für die islamische Partei in der verfassungsgebenden Versammlung.

Auch in Ägypten sind die gemäßigten Muslimbrüder deutliche Gewinner der Wahlen, dicht gefolgt von der radikal-islamistischen Partei Hizb AlNour. Auch dort mobilisieren sich Frauenrechtlerinnen gegen die Einschränkung ihrer Rechte. In einem großen Rückschritt für die Gleichberechtigung der Geschlechter endete der libysche Befreiungskampf: Nach dem Tod des Machthabers Muammar Al Gaddafi war es eine der ersten Amtshandlungen des Rebellenrates, die Sharia als Grundlage für die zukünftige libysche Gesetzgebung anzuerkennen. Die Polygamie und andere weitreichend diskriminierende Praktiken wurden wieder eingeführt. Dies stellt auch für die UN, welche den Eingriff der NATO über eine Resolution im Sicherheitsrat legitimierte, in dieser Hinsicht kein gutes Zeugnis aus. Hier hätten bereits im Vorfeld Libyerinnen mit an den Verhandlungstisch gehört, um über das zukünftige politische System mitentscheiden zu können.

Mit sensibler Rhetorik werden Weichen gestellt

Dabei wird die symbolische Debatte um die Rechte der Frauen und ihre Stellung in der Gesellschaft nach dem Sieg der traditionellen Ennahda in Tunesien stark am Thema „Verschleierung“ ausgemacht. Waren es zuvor die Frauen mit Kopftuch, die in öffentlichen Einrichtungen marginalisiert und stigmatisiert wurden, so bangen nun säkulare Frauen um ihre Freiheiten. Berichte von Frauen häufen sich, die auf der Straße aufgrund „religiöser“ Überzeugungen beschimpft und angegriffen werden.

Leider, so bringt es die Journalistin Sana Ghenima auf den Punkt, sind die großen Debatten um die Stellung der Frauen im post-revolutionären Tunesien unter Ennahda weniger inhaltlich als symbolisch geprägt, wenn es um das Aussehen und namentlich den Schleier der Frauen geht.

Der frisch gekürte Präsident Moncef Marzouki der liberalen Partei CPR vermochte die vielen Bedenken bei seiner Antrittsrede nur teilweise zu zerstreuen. Er sprach sich zwar für den Schutz aller Frauen aus, unabhängig davon, ob sie den Niquab, der den ganzen Körper bedeckt oder den Hijab, der das Gesicht frei lässt, trügen oder unverschleiert seien. Die Rhetorik wird von Frauenrechtlerinnen jedoch verurteilt: Nicht nur ordnet er die Frauen entsprechend ihrer Kleidung drei Kategorien zu, was in einem offiziellen Diskurs einmalig ist, er gibt als Staatsoberhaupt auch eine Wertung ab: Die unverschleierten Frauen nennt er in der Rede "safirat", was literarisch übersetzt soviel heißt wie "deren Gesicht unverschleiert ist", ein Terminus wie er in der Praxis jedoch hauptsächlich abwertend für "schlecht erzogene" oder "unreligiöse" Frauen genutzt wird.10

Wirklich problematisch wird diese Rhetorik vor dem Hintergrund erstarkender islamistischer Gruppen, die seit Dezember letzten Jahres den Campus der Universität Manouba, einen Vorort von Tunis besetzt hielten und Studierende sowie ProfessorInnen beschimpften und mit Gewalt einschüchterten. Sie forderten unter anderem, die Geschlechtertrennung an Universitäten, einen Gebetsraum sowie die Akzeptanz des Ganzkörperschleiers, der auch während der Examen erlaubt werden sollte.

Die neue Regierung ließ die Islamisten gewähren: Erst einen Monat später lösten Sicherheitskräfte die Besetzung auf. Viel zu spät: Die Sorge insbesondere junger Frauen wächst in Anbetracht dieser und ähnlicher Machtdemonstrationen der Islamisten. Hier bräuchte es einen starken Staat, der diese Form des Extremismus schnell und eindeutig verurteilt und dagegen vorgeht. Solche Strukturen kann Tunesien – ein Jahr nach der Revolution – zum Schutz der Demokratie noch nicht aufgebaut haben.

Die soziale Not wird größer

Die politischen Umwälzungen begleitet von großer Unsicherheit hatten natürlich auch wirtschaftliche Folgen. Nicht nur der Tourismus blieb für lange Zeit aus, sondern auch ausländische Investoren zogen sich aus Tunesien, das zusätzlich von dem Krieg im Nachbarland Libyen erschüttert wurde, zurück. Nachdem die Menschen für ihr Recht auf Arbeit auf die Straße gegangen waren, schnellte die Arbeitslosenquote nach oben. Verliererinnen dieser Entwicklung sind dabei wieder die Frauen, deren Zahl von Arbeitssuchenden seit 2005 die der Männer übersteigt. Die Erwerbsquote von Frauen im Jahr 2008 lag bei schwachen 27,7 Prozent, was allerdings auch in Relation zu der insgesamt hohen Arbeitslosigkeit gesehen werden muss. Insbesondere unter Akademikerinnen ist die Arbeitslosenquote im Vergleich zu ihren männlichen Kollegen sehr hoch. Ihre Neuorientierung und ihr Neueintritt in den Arbeitsmarkt könnten von symbolischen Debatten wiederum negativ beeinflusst werden; dadurch würde die bereits existierende Segregation nach Geschlecht auf dem Arbeitsmarkt verschlimmert.

Ausblick

In Zukunft wird sich zeigen, wie sich die islamische Partei Ennahda auf die Herausforderungen radikaler Gruppierungen im Land, die von den sozialen Nöten der Menschen nur profitieren können, reagieren wird und sich damit auch im Bezug auf Frauen- und Menschenrechte positioniert. Dabei stehen ihr viele Möglichkeiten offen, auch als Beispiel für andere islamische Parteien voran zu gehen. Nach den „Töchtern des CSP“ wird dabei die nächste Generation von Frauen gefordert sein, für den Erhalt ihrer Rechte, aber auch für den Abbau von diskriminierenden Praktiken auf sämtlichen Ebenen der Gesellschaft zu kämpfen. Als Republik mit islamischer Identität kann Tunesien für die Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern, die selbst für alle Bereiche des Familien- und Persönlichkeitsrechts gilt, neue Maßstäbe setzen.

LITERATUR

Ben Said Chernie (1986): Les dérapage de l'histoire chez Thar Haddad. Les Travailleurs. Dieu et la Femme.Tunis: Editions A. Ben Abdallah.

Bessis, Sophie (1999):Le féminisme institutionnel en Tunisie. In CLIO: Histoires. Femmes. Et sociétés. Numéro 9. Femmes du Maghreb

Boursali, Noura (2008): Bourguiba à l'épreuve de la démocratie.1956-1963. Sfax: Samed Editions.

Chamary, Alya Cherif (1991): La femme et la loi en Tunisie. Casablanca: Edition le fennec.

Darghouth Medimegh, Aziza (1992): Droits et vécu de la femme en Tunisie. L'Hermès: London.

FIDH – Fédération Internationale des Droits de l'Homme
http://www.fidh.org/Maroc-Une-grande-victoire-pour-les

HUMAN RIGHTS WATCH
Human Rights Watch (2011): Tunisia: Government lifts restrictions on Women's Rights Treaty.
http://www.hrw.org/news/2011/09/06/tunisia-government-lifts-restrictions-women-s-rights-treaty

LEADERS.COM
http://www.leaders.com.tn/article/49-femmes-elues-a-l-assemblee-constituante-24-des-217-sieges?id=6785
http://www.leaders.com.tn/article/l-emploi-feminin-en-tunisie-actualites-et-perspectives?id=7375

LE TEMPS
Ben Amri Ouannes, Dorra (2012): Voilées ou non-voilées: barrons la route à toute forme d'extremisme!
http://www.letemps.com.tn/article-55337.html

ARAB SOCIAL MEDIA REPORT
Arab Social Media Report (2011): Civil Movements: The Impact of Facebook and Twitter. Dubai School of Government (Hrsg) Vol.1. No. 2. www.ArabSocialMediareport.com

INTERNETAUFTRITTE:
Association Tunisienne des Femmes Démocrates - ATFD http://femmesdemocrates.org/
Fédération Internationale des Ligues des Droits de l'Homme – FIDH http://www.fidh.org/

 

1 Der Gender Inequality Index des Arab Human Development Report, der aus der gesundheitlichen Versorgung von Frauen, ihrem möglichen Zugang zum Arbeitsmarkt sowie ihrem „Empowerment“ errechnet wird, sieht Tunesien auf Platz 56 (von 138).
2 Das bedeutendste Werk Tahar Haddas ist sicher „Notre Femme dans la Sharia et la Société“ (Unsere Frau in der Sharia und der Gesellschaft) von 1930. Für eine Auseinandersetzung mit dem „Vater des Tunesischen Feminismus“ siehe: Ben Said Chernie (1986): Les dérapage de l'histoire chez Thar Haddad. Les Travailleurs. Dieu et la Femme.Tunis: Editions A. Ben Abdallah.
3 Der „Club Tahar Haddad“ wurde in den 50er Jahren von Anhängerinnen seiner Ideen gegründet und ist bis heute ein Ort kritischer Reflexion mit Veranstaltungen und Debatten im Herzen der Altstadt Tunis.
4 Das Mindestalter wurde 2008 für beide Vertragspartner auf 18 Jahre angeglichen.
5 Chamary, Alya Cherif (1991): La femme et la loi en Tunisie. Casablanca: Edition le fennec.
6 Ihre Streitschrift wurde auch in Deutschland publiziert und diskutiert: Ben Mhenni, Lina (2011): Vernetzt euch! Berlin: Ullstein.
7 Übertroffen wird dieser hohe Anteil in der Region lediglich vom Libanon, wo 45 Prozent der NutzerInnen weiblich sind. Vgl. Arab Social Media Report (2011): Civil Movements: The Impact of Facebook and Twitter.
8 Die Association Tunisienne des Femmes Democrates erhielt kürzlich den Simone de Bouvoir Preis 2012 für ihr besonderes Engagement im Kampf um Frauenrechte.
9 Human Rights Watch (2011): Tunisia: Government lifts restrictions on Women's Rights Treaty. http://www.hrw.org/news/2011/09/06/tunisia-government-lifts-restrictions-women-s-rights-treaty
10 Die Journalistin Dorra Ben Amri Ouannes hat auf diese Äußerung («Nous protégeons les femmes qui portent le niqab, le hidjab et les safirats ») in zahlreichen Artikeln reagiert: http://www.letemps.com.tn/article-55337.html


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